Dienstag, 8. Juli 2014

Sind wir Rom?


In England wurden im Jahr 1776 zwei bedeutende Werke veröffentlicht. Das eine war Adam Smith's Der Wohlstand der Nationen und das andere Verfall und Untergang des Römischen Imperiums von Edward Gibbon. Gibbons Schlussfolgerung am Ende seiner Arbeit war seine persönliche Verwunderung darüber, nicht dass die Zivilisation des Römischen Reiches untergegangen ist, sondern dass sie so lange bestehen konnte. Die Gründe dafür finden wir ebenso in unserer modernen westlichen Zivilisation.

Unsere Vorstellung heute vom Untergang des Römischen Reiches ist, dass irgendwann einfach germanische Stämme in Rom eingefallen sind und es geplündert haben. Soetwas passiert aber nicht von Heute auf Morgen. Erst wenn Gesellschaften innerlich bereichs vollkommen verrottet sind kommen die Barbaren. Wie stand es um das Römische Reich zum Zeitpunkt der Barbareninvasionen und welche Entwicklungen gab es bis dahin?

Rom wurde 390 v. Chr. schon einmal von gallischen Stämmen erobert und geplündert, also was war später so anders? Was unterschied diese Barbaren Invasion von späteren, von denen Rom sich nicht mehr erholen konnte?

Nach den punischen Kriegen, die 146 v. Chr. mit der Zerstörung Roms größten Konkurrenten im Mittelmeerraum Karthago endeten, war Rom dort die uneingeschränkte Vormacht. Aus dieser Zeit wissen wir, dass Rom von da an den Handel dominierte, da sich viele Schiffswracks mit römischen Münzen aus dieser Zeit finden. Zudem began Rom damit seine kleineren Nachbarn nach und nach zu unterwerfen und von dessen Tributzahlungen zu leben. Roms Gesellschaft hatte aber ein fundamentales sozio-ökonomisches Problem: Sklaverei. Sklaverei verhinderte in Rom selbst Einstiegsmöglichkeiten in das Berufsleben, da die meisten dieser Jobs von Sklaven zum Nulltarif erledigt wurden. Das absolute Gegenteil vom Mindestlohn quasi, aber mit dem selben Ergebnis. Viele römische Bürger lebten fast ausschliesslich von Sozialleistungen des Staates. Dies ging von Weizenlieferungen über Silbermünzen bis zu dem bekannten Konzept von Brot und Spielen.

Der römische Staat erhob von den Bürgern selbst keine Steuern, da man vom ausplündern anderer Völker lebte. Rom war eine räuberische Gesellschaft deren Modell es erforderlich machte, immer neue Völker zu finden die man ausquetschen konnte.

Die Krise in dieser Gesellschaft fing an sich im zweiten Jahrhundert n. Chr. abzuzeichnen. Historiker sprechen auch "von der Krise des dritten Jahrhunderts". Die Veränderungen innerhalb der römischen Gesellschaft im Gegensatz zu der früherer Jahrhunderte waren enorm. Rom war quasi zu einer Militärdiktatur geworden die aber keine neuen Ländereien mehr zum ausplündern finden konnte. Römische Versuche die Völker östlich des Rheins und nördlich der Donau zu kolonisieren waren katastrophal gescheitert. Zudem war das Reich bereits jetzt schon zu groß um effektiv von einer Hauptstadt aus regiert zu werden und umfasste unterschiedlichste Völker, Mentalitäten und Wirtschaftsräume. Das war noch nicht das Ende, nicht der Anfang vom Ende, aber das Ende vom Anfang.

Als 211 n. Chr. der römische Kaiser Septimius Severus starb soll er seinen beiden Söhnen Caracalla and Geta folgende Worte mitgegeben haben: ,,Lebt in Harmonie, bereichert die Truppen und ignoriert alle anderen.''

Eine der ersten Handlungen Caracallas war darauf hin seinen Bruder zu ermorden, womit er wohl den ersten guten Rat ignorierte. Er investierte viel in das Militär, erhöhte den Sold um die Hälfte, und zwang dem Rest der römischen Gesellschaft dadurch erdrückende Steuerlasten auf. Er soll einmal auf sein Schwert gedeutet und gesagt haben:,,Solange wir das hier haben, wird uns niemals das Geld knapp werden." Er begründete damit eine Epoche die als jene der Soldatenkaiser in die Geschichte eingehen sollte.

Seine Mutter Julia Domna, Tochter einer vornehmen Familie aus dem syrischen Homs, soll ihn angefleht haben eine moderate Politik zu verfolgen. Die Erhöhung des Soldes der Soldaten um die Hälfte hatte nämlich eine Erhöhung der Steuern um die Hälfte für alle römischen Bürger zur Folge. Er startete Feldzüge gegen die Barbaren an der Nordgrenze des Reiches und im Osten, sah sich schon als der wiedergeborene Alexander der Große. Als dadurch jedoch nicht genug Geld eingenommen werden konnte erklärte Caracallas jeden Bewohner des Römischen Reiches zum Römischen Bürger. Was vorher ein Privileg war wurde aufeinmal zu einer Verpflichtung für alle. Das römische Steuerrecht war zudem ein repressives, was bedeutet dass feste Abgaben verlangt wurden und nicht prozentuale. Wer römischer Bürger war musste jedes Jahr eine feste Summe zahlen.

Dazu lies er die Währung entwerten. Der seit der Zeit von Kaiser Augustus ungefähr um 19 v. Chr. im Römischen Reich gebräuchliche Denarius hatte bei seiner Einführung einen Silbergehalt von 95%. Über die nächsten Jahrhunderte wurde dieser Silbergehalt doch immer weiter gedrückt. Während der Regierungszeit von Kaiser Trajan 117 n. Chr. wurde der Silbergehalt auf 85% gedrückt. Nach der Regierungszeit von Marcus Aurelius 180 n. Chr. betrug der Silbergehalt noch 75%. In der Regierungszeit von Kaiser Septimius betrug der Gehalt noch 65% und sein Sohn Caracallas ließ den Silbergehalt schliesslich auf 50% drücken. Ebenso entwertete er Roms Goldwährung von 45 Münzen das Pfund auf 50 Münzen.

Einige römische Kaiser fingen zudem seit ungefähr Augustus damit an, eine xenophile Neugier für die Barbarenvölker im Norden zu entwickeln. Die Leibwachen bestanden aus Skythen und Germanen, die römischen Kaiser ließen sich Bärte wachsen. Ursprünglich war die erste Rasur für einen römischen Mann ein Ereignis, ein Ritual das man im Familienkreis gefeiert hat um sich auch von den Griechen abzugrenzen. Nun versuchten sich die römischen Herrscher von ihren römischen Untertanen abzugrenzen. Caracallas soll oft eine blonde Perücke getragen haben.

Seine Herrschaft endete als er einen Feldzug im heutigen Iran vorbereiten ließ und kurz darauf von einem Verschwörerkreis ermordet wurde. Anschliessend gewann Marcus Opellius Macrinus, der Drahtzieher des Mordkomplotts, die Unterstützung des Militärs und ließ sich zum Kaiser ausrufen, nur um ein Jahr später nach einer verlorenen Schlacht gegen andere römische Truppen selbst ermordet zu werden. Das aufgeblasene Militär hatte sich bis dahin zu einem Staat im Staate entwickelt und mit der Ermordung Caracallas begann die Epoche der Soldatenkaiser, eine Epoche in der sich Generale aus dem Militär abwechselnd an die Macht putschten. Für den Rest des Jahrhunderts sah Rom 26 verschiedene Kaiser und nur einer von ihnen starb eines natürlichen Todes.

Nur 20 Jahre nach seinem Tod inflationierte die Währung allerdings weiter. Das Pfund Gold wurde nun auf bis zu 72 Münzen gedrückt, wobei es nochmal eine Wertsteigerung von 60 Münzen am Ende des Jahrhunderts durch den Reformkaiser Diocletian gab, nur um von Kaiser Constantin wieder auf 72 Münzen gedrückt zu werden.

Nach Caracallas Tod begann dann der Anfang vom Ende für das Römische Reich. Zwischen den Jahren 258 bis 275 sah das Römische Reich Bürgerkrieg, Militärputsche und Invasion anderer Völker, die sich für die aggressive Militärpolitik des Kaisers rächen wollten. Dieser Dauerkriegszustand entwertete das Geld quasi komplett und 268 hatte der Denarius gerade mal einen Silbergehalt von noch 0,5%. In dieser Zeit verzehnfachten sich die Preise quasi im gesamten Römischen Reich. Der Sold eines römischen Soldaten stieg unter Augustus von 225 Denarii bereits auf 300 Denarii. Unter Caracallas erreichte er dann 700 Denarii. Die einzigen die selbst im Militär noch in Gold bezahlt wurden waren die ausländischen Söldnertruppen. Die Barbaren waren so barbarisch, dass sie nur Gold als Bezahlung akzeptierten.

Schliesslich konnte Diocletian 284 sich als Kaiser durchsetzen und beendete damit die Krise des dritten Jahrhunderts. Wie bereits erwähnt ließ er das Pfund Gold wieder auf 60 Münzen schlagen, was die Inflation aber nicht beseitigen konnte. Um 294 verließ man dann endgültig die römische Silberwährung, die zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Stück Bronze war das man hastig in Silber getaucht hatte. Er führte eine neue Silberwährung ein, den Argenteus (dt. ,,aus Silber"). Aus einem Pfund Silber sollten 94 Münzen geschlagen werden von denen eine Einzige den Tauschwert von 50 Münzen der alten Währung haben sollte.

Im Zuge seiner Münzreform brachte Diocletian auch eine neue Bronzemünze heraus, den Nummus. Aber schon weniger als zehn Jahre danach fiel der Handelswert dieser Münze von zehn Münzen der alten Währung zu 20 Münzen der alten Währung. Die neuen Silbermünzen fielen von 50 auf 100. Diocletians Bemühungen waren vergebens und so erlebte das Römische Reich trotzdem 100% Inflation in weniger als 10 Jahren.

Im Jahr 301 reagierte Diocletian dann mit strikten Preiskontrollen. Das Edictum De Pretiis Rerum Venalium setzte Höchstpreise für eine Vielzahl von Produkten und Leistungen fest, deren Überschreitung mit der Todesstrafe geahndet werden sollte. In Rom wurde aber so ziemlich alles mit der Todesstrafe geahndet, selbst Ehebruch. Könnt ihr euch das vorstellen? Italiener verhängen auf Ehebruch die Todesstrafe?
Kopie eines Bruchstückes des Edikts

Eine Festpreisbindung für Waren und Dienstleistungen trug nur noch mehr zur Inflation bei, da das riesige Reich unterschiedlichste Wirtschaftsräume und Mentalitäten verband. Italien beispielsweise war der Ort im römischen Imperium, in dem die Preise am höchsten waren. In der römischen Provinz Palästina waren die Kosten dagegen nur halb so hoch. In Ägypten dagegen waren sie wiederum nur die Hälfte von Palästina.


Hohe Steuerbelastung

Nach Diocletian war es Kaiser Konstantin, erster christlicher Kaiser Roms (Zumindest offiziell), der 312 eine Münzreform durchführte. Seine neue Goldmünze war der Solidus (dt. Solides Gold), welche mit 72 Münzen pro Pfund aber von geringerem Wert war als die Goldmünzen seines Vorgängers.

Aber auch für diese Münzreform brauchte Konstantin physisches Gold und von dem gab es nicht mehr viel zu holen bei den Barbaren. Zu den ersten Gesetzen die von Konstantin verabschiedet wurden gehörte auch die Einführung einer Grundstücksteuer für Senatoren. Zudem erließ er eine Vermögenssteuer für Kaufleute. Nicht auf ihre Einnahmen sondern auf ihr Vermögen. Diese mussten alle fünf Jahre entrichtet werden und zwar in Gold.

Zudem hatte sich Konstantin bereits die Kriegskasse seines ehemaligen Verbündeten und Schwagers Licinius unter den Nagel gerissen, für die dieser jeden Barren, jede Münze und jedes Gramm an Gold und Silber aus den Städten des oströmischen Reiches konfiszieren ließ.

Nachdem durch den Mailänder Beschluss im selben Jahr der Münzreform den Christen im Römischen Reich Kultfreiheit zugesichert wurde und das Christentum durch Konstantins Bekehrung weiter an Popularität gewann, ging dieser auch dazu über das Gold aus den heidnischen Tempeln zu stehlen.

Zu keinem Zeitpunkt aber versuchte die römische Regierung die Währung wirklich zu kontrollieren und so wurden wieder die Silbermünzen geschnitten und inflationiert. Konnten die ausgeplünderten Städte aus denen das ganze Gold und Silber konfisziert wurde also nicht mehr ihre Angestellten bezahlen, so pressten sie einfach selbst andere Werte auf geringere Münzen.
Die Regierung merkte dann aber irgendwann, dass wenn sie ihre Truppen in inflationärer Silberwährung bezahlt, die Preise daraufhin stiegen.

Als Resultat verlangte die Regierung daraufhin, dass die Untertanen ihre Steuern eher in Dienstleistungen begleichen mussten als in Münzen, um ihre Soldaten und öffentlichen Angestellten vor der Inflation zu schützen. Ja ganz richtig, die Regierung akzeptierte ihre eigene Währung nicht.

Konstantins Reformen und die Besteuerung von Senatoren und Kaufleuten in Gold führte zwar dazu, das der Staat seine Angestellten wieder in Gold bezahlen konnte. Für die große Masse der Menschen änderte das allerdings wenig an der Inflation. Gold war eine Sicherheit gegen die Inflation nur für jene die es hatten und das waren nunmal überwiegend Staatsangestellte.

Die Steuerzahler mussten Goldmünzen kaufen um ihre Steuern zu bezahlen. Wer es sich nicht leisten konnte die teuren Goldmünzen zu kaufen um seine Steuern zu zahlen, der wurde zum Gesetzesbrecher und verlor sein Land und seinen Besitz. Es kam oft vor, dass Leute ihren Landbesitz einfach zurückließen und verschwanden um vor der Steuerlast zu flüchteten.
Während des dritten Jahrhunderts war das bereits ein großes Problem in Rom: Alle möglichen Leute verschwanden einfach um den hohen Steuern die das Militär brauchte zu entkommen.


Überdehntes Staatswesen

Sieht man heute römische Ruinen oder Gebäude die römischer Säulenbauweise nachempfunden sind, dann schliessen viele Menschen automatisch darauf, dass es sich um eine große Zivilisation gehandelt haben muss. In Wirklichkeit war neben dem Zirkus Maximus zu leben nicht anders wie wenn heute ein armer Bewohner irgendeines armen Landes neben einem FIFA Fußballstadion lebt. Ein großer Teil der Bewohner Roms war arm wie Dreck und lebte von staatlichen Sozialleistungen.

Die öffentlichen Badehäuser waren meistens Bordelle, in deren Ruinen Archeologen hin und wieder Berge an Knochen von Neugeborenen finden wie in Ashkelon. Die Römer waren nicht hygienischer als die Barbarenvölker und öffentliche Bäder sind kein Zeichen eines hohen Zivilisationsstandes. Sind öffentliche Toiletten ein Zeichen eines hohen Zivilisationsstandes? Auch die Römer haben öffentliche Einrichtungen bereits mit Graffiti verziehrt wie Zeichnungen von Genitalien.

Die römische Armee ist in der Zeit seit Augustus mit um die 250,000 Soldaten auf 600,000 Soldaten unter Diocletian gewachsen. Die Kosten die dieser Militärapparat verschlang trugen einen großen Teil zur Inflation bei. Römische Legionen wie wir sie uns heute aus Asterix vorstellen mit Spangenrüstung und viereckigen Schilden waren dabei übrigens ein relativ seltenes Bild. Der Großteil der römischen Armee bestand aus Söldnern, Auxiliaries und Garnisonstruppen die unter den Barbarenvölkern rekrutiert wurden.

Die administrative Verwaltung des Staates ist auch um ein vielfaches gewachsen. Unter Augustus gliederte sich die Verwaltung noch in drei Ebenen: Die römische Regierung des Reiches, die Administrative der Gouverneure der einzelnen Provinzen und darunter die Stadtverwaltungen.

Bis Diocletian brach dieser Verwaltungsapparat auseinander. Es gab nicht nur einen römischen Kaiser sondern gleich vier davon, was auch eine Vervierfachung der Verwaltung bedeutete. Vier kaiserliche Gerichtshöfe, vier Praetorianer Garden, vier Paläste, vier komplette kaiserliche Hofstäbe und so weiter. Darunter nochmal Praetorianer Präfekturen, regionale Administrativen mit ihren Stäben und ihrem Budget. Diocletian teilte dazu die regionalen Verwaltungsapparate in mehrere kleinere regionale Verwaltungsapparate, was sie effektiver und flexibler von Zentralregierung machen sollte und dabei nur die Bürokratie vermehrte. Jeder Verwaltungsapparat wieder mit Stab und Budget. Zur Zeit von Augustus war das Römische Reich in 20 Provinzen unterteilt, wohingegen es 300 Jahre später gab es bereits über 100 Provinzen, ohne dass das Gebiet des Römischen Reich sonderlich gewachsen wäre. Alles Ausgaben, alles Gründe für Besteuerung und Geldentwertung.

Im Jahr 301 während Diocletians Regierung war der Festpreis für das Pfund Gold noch 50.000 Denarii, also die Münzen deren Silbergehalt 268 nur noch bei 0,5% lag. Im Jahr von Konstantins Tod 337 kostete das Pfund Gold 20.000.000 Denarii. Die römische Regierung hatte längst keine Kontrolle mehr über ihre Währung und genau wie bei dem Papiergeld der Weimar Republik findet man bei römischen Münzen Anzeichen dafür, dass sie immer wieder überstempelt wurden. In der Weimar Republik gab die Post irgendwann einfach Stempel des neuen Geldwertes heraus, ähnlich wie Briefmarken, die man auf das Papiergeld kleben sollte, denn die Inflation war schneller als man hätte neues Papier drucken können.

Über die Soldhöhe öffentlicher Angestellter und Soldaten ist im vierten Jahrhunder Roms nur wenig bekannt, da sie mittlerweile in Naturalien und Dienstleistungen bezahlt wurden. Unterkunft, Verpflegung und Kleidung waren für den Staat einfacher zur Verfügung zu stellen als inflationierende Währung und wurden von den Staatsangestellten auch eher akzeptiert als inflationierende Währung.

Ansonsten lief die Armee oft genug Amok. Wenn ein römischer Kaiser seinen Truppen den alle fünf Jahre anfallendem Bonus Donativum verweigerte, dann konnte es schonmal vorkommen, dass er vom Militär ermordet wurde. Zur Zeit von Diocletian wurde der unter Augusts noch einmalige Bonus, zu einem alle fünf Jahre anfallenden Bonus, später zu einem jährlichen Bonus. Das Militär betrachtete den Bonus bereits als festen Teil seiner Besoldung.

Der Staatsapparat war so derartig groß geworden, das Rom ihn nicht mehr durch Steuern oder Tributzahlungen der besetzten Gebiete finanzieren konnte. Erst die Inflation, dann die starke Steuerlast und schliesslich einfach mit Beschlagnahmungen, indem man Leute bei denen etwas zu holen war des Hochverrates beschuldigte.

Der Bischof und Heilige Gregorius von Nazianzus, der zu dieser Zeit lebte, soll einmal gesagt haben, dass Krieg die Mutter aller Steuern ist. Krieg ist wohl ebenso die Mutter der Inflation.


Verlust der persönlichen Freiheit

Die Konsequenzen der Inflation trafen auch weniger den römischen Staat, dieser überlebte durch diese Maßnahmen, sondern den römischen Bürger. Das erste Opfer der Inflation war ihre wirtschaftliche Freiheit.

Fangen wir an mit der administrativen Klasse der Decurion, nicht zu verwechseln mit dem militärischen Rang. Diese waren kleine und mittlere Landbesitzer aus deren Mitte Ratsmitglieder und Offizielle der römischen Städte gewählt wurden.

Traditionell sah man den Dienst in der Stadtverwaltung als eine Ehrensache an und so spendeten sie nicht nur ihre Zeit, sondern auch ihr Vermögen der Besserung des urbanen Lebens. Straßenreparaturen, Theater, Brunnen und Kanalanlagen zu finanzieren waren Wohltaten an der Allgemeinheit die von Privatpersonen freiwillig erbracht wurden.

In der Mitte des dritten Jahrhunderts wurde dieser Klasse allerdings das Eintreiben der Steuern übertragen. Die Steuereintreiber der römischen Zentralregierung konnten selbst nicht mehr die Masse an Steuern eintreiben welche mittlerweile gefordert wurden, so wurden die Decurion mit dieser Verantwortung betraut.

Die Decurion hatten dabei selbst natürlich genau die selben Schwierigkeiten wie jeder andere. Steuereintreiber waren genau wie Zöllner nicht nur Hassobjekt der Bevölkerung, sie waren auch das Ziel von Überfällen. Das waren noch Zeiten, als Steuern noch physisch eingetrieben werden mussten und jede Tür an die geklopft wurde die letzte sein konnte, nicht so wie heute mit "Dienstleistungen" vom Finanzamt und ELSTER. Die Steuern welche der Decurion dabei nicht eintreiben konnte musste er aus seiner eigenen Tasche bezahlen.

So kam es dazu, dass die Decurion nicht mehr länger Decurion sein wollten. Ein Amt welches noch mit Philantropismus und öffentlichem Ansehen in Verbindung gebracht wurde, wurde nun reihenweise aufgegeben. Decurion verließen ihren Besitz, ihr Land und suchten Zuflucht wo immer sie welche finden konnten und oft auch bei den Barbarenvölkern. Ein Gesetz wurde erlassen welches veranlasste, dass jeder Decurion der auf der Flucht vor seinem Amt aufgegriffen wurde, wie ein Sklave gefesselt und zurück in seine Stadt gebracht werden sollte, wo er wieder seinem Amt nachzugehen hatte.

Zur Zeit der Christenverfolgung, vor dem Mailänder Beschluss und Kaiser Konstantin, wurde zudem per Gesetz veranlasst, dass Christen die des Verbrechens schuldig befunden wurden Christen zu sein, die Wahl zwischen der Todesstrafe hatten und dem Amt des Decurion.

Zudem übernahm der Staat alle Gilden und Handelskammern der Kaufleute und Handwerker, da nicht genug Material für den Staat auf dem regulären Markt zu haben war. Weder die Handwerker noch die Kaufleute wollten die inflationierenden Münzen der Regierung, mit denen sie nicht mal ihre Steuern an diese bezahlen konnten. So wurde es von der Regierung einfach verordnet Waren und Dienstleistungen zu erbringen, was quasi eine Verstaatlichung der Betriebe bedeutete.

Als Leute dann ihren Berufsstand aufgaben, da sie faktisch nur noch für die Regierung ohne richtige Bezahlung arbeiteten, verordnete diese einfach ein Verbleiben und sogar eine Vererbung des Berufsstandes. Diese Maßnahmen betrafen vorerst nur alle militärisch relevanten Wirtschaftszweige, aber in einer Wirtschaft ist ja alles irgendwie militärisch relevant.  Unter Diocletian wurde zudem veranlasst, dass die Bauernklasse der Coloni nicht nur an ihren Berufsstand, sondern an ihren Landbesitz gebunden wird. Dazu kam, dass die Regierung immer einen festen Steuersatz verlangte ungeachtet von Ernteausfällen oder dem Umstand, dass viele Coloni einfach ihr Land verließen und flüchteten.
Der Ursprung des mittelalterlichen Feudalsystems und der Leibeigenschaft liegt im Niedergang Roms.


Sozialstaat

Rom hatte bereits einen Sozialstaat und ein großer Teil der Bevölkerung der Stadt Rom lebte von Sozialleistungen. Dies fing damit an, dass im römischen Forum schon immer von der Regierung subventioniertes Getreide zum halben Preis verkauft wurde. Dies sollte den Armen und Bedürftigen helfen, aber irgendwann ging jeder dort hin und die Bereitschaft den vollen Marktpreis für Getreide zu bezahlen ging soweit zurück, dass immer weniger römische Bauern Getreide anbauten, da diese nicht mit dem subventionierten Getreidepreis konkurrieren konnten.

Die Regierung ging dazu über Getreide zu importieren bzw. von besetzten Gebieten als Tribut zu fordern, da die eigene Landwirtschaft nicht mehr genug Getreide produzierte und stattdessen anderen Dingen nachging. Als dann die kilikischen Seeräuber die Getreidelieferungen aus Ägypten bedrohten litt das abhängige römische Volk Hunger.

Als Publius Clodius Pulcher im Jahr 61 v.Chr. in Rom für das Amt des Volkstribun kandidierte versprach er, dass einmal im Monat im Forum kostenloses Getreide ausgegeben werden sollte. Sein Wahlkampf richtete sich dabei an die Klasse der Plebs, oder "Proleten" wie wir heute sagen. Ungebildete römische Unterschicht die auf Handouts und Almosen vom Staat wartet. Politiker wie Pulcher oder auch Julius Caesar richteten ihre Politik an diese Unterschicht und verstanden es auch dieses Potential an Menschen für Straßenkämpfe und gewaltätige Ausschreitungen gegen ihre Konkurrenten zu benutzen.

Um sich so ein Potential für Straßenkämpfe zu sichern gingen römische Senatoren auch nach und nach dazu über, ihren Anhängern jeden Monat eine Silbermünze zu zahlen. Zu besseren Zeiten Roms, oder besser gesagt weniger schlechten Zeiten, konnte man sich davon und seine Familie einen Monat lang versorgen. Das führte dazu, dass diese Gesellschaftsschicht komplett abhängig wurde vom jeweiligen Senator und seiner Armutszuhälterei. Genauso wie sich politische Dynastien bildeten, bildeten sich Dynastien von ihnen abhängigen Leistungsempfängern. Gab es dann irgendwann keine Sozialleistungen und Handouts mehr mussten viele ihre Kinder oder sich selbst in die Sklaverei verkaufen oder boten ihre Töchter als Prostituierte an.

Neben dem kostenlosen Getreide gab es dann genauso gratis Salz, Fisch, Fleisch und alles andere für die tägliche Diät. Damit die Leute die jetzt den ganzen Tag Zeit hatten nicht auf dumme Gedanken kommen gab es kostenlose Unterhaltung in den öffentlichen Amphitheatern. Der römische Dichter Decimus Iunius Iuvenalis, kurz. Juvenal, fasst die Mentalität der Römer im zweiten Jahrhundert zusammen in dem Bekannten Spruch Panem et circenses, Brot und Spiele.


Die Barbaren

Rom hatte immer wieder Probleme mit einfallenden Barbarenvölkern an seiner Nordgrenze. Römische Politik war auch nicht sonderlich geschickt im Umgang mit Barbarenvölkern, da es auch hin und wieder vorkam, dass römische Botschafter bei Verhandlungen die Botschafter der Barbarenvölker angriffen und töteten. Römer hatten immer ein Gefühl von Überlegenheit gegenüber den Barbaren und unterschätzten deren Fähigkeiten enorm. Julius Caesars Gallienfeldzug brachte zunächst einen Wandel in dieser Politik, da sie sich von dort an weniger auf militärische Stärke als auf Manipulation, zwielichte Arten von Diplomatie und Abschreckung konzentrierte.

Überfielen Banden von Kriegern römische Grenzorte so reagierte man in Rom eher mit Gelassenheit. Von Teenagern die etwas Dampf ablassen wollten ging keine Bedrohung für das Imperium aus. Gefährlich wurde es erst, wenn Barbarenvölker Frauen mit dabei hatten. Später fanden die Römer anscheinend heraus, das es bequemer und billiger war sich Frieden mit Barbarenvölkern zu erkaufen anstatt diese in verlustreichen Kriegen zu besiegen. Rom überließ den Barbaren Land und heuerte ihre Krieger als Soldaten in der römischen Armee an.

Die römische Regierung war aber darauf angewiesen immer wieder Tributzahlungen von unterworfenen Völkern zu erhalten und auch neue Völker zu finden, die man auspressen konnte. Römische Sklavenjäger suchten auch Jenseits der römischen Grenzen nach Beute. In den besetzten Provinzen gab es immer wieder Steueraufstände gegen die römische Regierung welche Niedergeschlagen werden mussten, meistens mit Hilfe von Söldnern anderer Barbarenvölker. Die Besoldung dieser Truppen kostete irgendwann mehr, als man aus den Provinzen gewinnen konnte.


Der eigentliche Wandel, der Siegeszug der Barbaren aus dem Norden, begann als Diocletian die landbesitzenden Bauern zu Leibeigenen machte, gebunden an das Land welches sie bewirtschafteten und belastet von Steuern und Abgaben. Römische Legionäre bekamen nach ihrer 16-jährigen Dienstzeit Land zugesprochen welches sie bewirtschaften konnten. Viele Landbesitzer waren ehemalige römische Legionäre und Offiziere, die nun vor den römischen Steuern flüchteten und sich oft genug bei den Barbaren niederliesen, wo sie der Arm Roms nicht erreichen konnte, gerade in Germanien. Römische Soldaten, Expatriaten, organisierten die germanischen Armeen.

Die Invasion der Hunnen ungefähr 375 n.Chr. trieb viele Barbarenvölker vor sich her, bis sie an die Grenzen von Rom gelangten. Die Hunnen waren ein Übel das dem Wort Barbarei einen neuen Tiefpunkt beimessen sollte. Wenn auch ihre Skelette rituelle Schädeldeformationen im Kindesalter aufzeigten und ihre Beine vom Leben im Sattel gezeichnet waren, so sind viele Berichte über ihre Grausamkeit aller Wahrscheinlichkeit nach von den Römern selbst verbreitet worden, um die von den Hunnen bedrohten Völker stärker an Rom als Verbündeten zu binden.

Die Römer überließen den Hunnen wieder Land und übernahmen viele von ihnen in den Dienst der römischen Armee, wo sie Bezahlung in Gold sowie eine Pension bekamen. Erst Attila der Hunne trieb die Horde wieder an zu erobern und aus ihrer Sesshaftigkeit heraus.
Es war aber bereits vor der Zeit von Attila, das die germanischen Stämme gegen Rom zogen genau wie danach, als die Hunnen als eine Fraktion quasi nicht mehr existierten. Alle wollten Rom erobern, die Stadt welche die Welt erobert hat. Die Nachricht davon, dass Rom nun ein sterbender Koloss war, dürfte sie zusätzlich angespornt haben.

Die Westgoten plündern Rom 410:
Künstlerische Darstellung

Im Jahr 410 eroberte Alarich von den Westgoten als erster Feldherr seit dem Gallier Brennus 390 v.Chr. die Stadt Rom und plünderte sie drei Tage lang. Alarchis gotische Soldaten waren arianische Christen, welche vergleichsweiße gesittet geplündert und von Kirchen und Gläubigen abgelassen haben sollen. Der aufgeblasene und verrottete römische Staat konnte sich davon aber nicht wieder erholen.
Rom wurde von da an noch zwei mal von germanischen Armeen erobert und ausgeplündert womit das Römische Reich im Westen quasi aufhörte zu existieren. Diese waren allerdings keine in Tierfelle gehüllten Wilden mehr mit Hörnerhelmen wie man sich auf den künstlerischen Darstellungen des 19. Jahrhunderts sieht, sondern der römischen Armee gleichwertige, oft auch überlegene, Truppen.

Im Osten existierte Rom mit Byzanz noch bis 1453 die Türken Konstantinopel eroberten. Die oströmischen Leibeigenen, die sie durch die Steuern faktisch waren, konvertierten reihenweise zum Islam und die Hagia Sophia ist heute eine Moschee. Die Barbaren wurden als Befreier von Staat und Steuern begrüßt.


Irgendwelche Parallelen zu unserer Zivilisation?




PS: Eine teilweiße Übersetzung des Vortrages Inflation and the Fall of the Roman Empire von Joseph R. Peden mit Abweichungen des Autors.


Kommentare:

  1. Kommt einem doch irgendwie bekannt vor.

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  2. Oh, böses Thema. Die guten, reichen, gebildeten Römer mit ihrer unbesiegten Armee gegen die wilden Barbaren.
    Zurück, es gab einmal... Genaugenommen war das Imperium Rom die Welt der Antike. Sie waren quasi der Endsieger der "zivilisierten" Welt. Der Griechen, der Ägypter, der Kelten, der Phönizier usw. usf. Im Norden entwickelte sich eine neue Welt mit einer heterogenen Führungsstruktur: Die Germanen. Gerne vergleicht man heutzutage diese beiden Kulturen und stellt sehr gerne die Römer als die bessere Gesellschaft dar. Unbeachtet, dass diese ach so bessere Gesellschaft mit ihrer unbesiegbare Armee von dieser arbeitsscheuen, kulturlosen Gesellschaft mit einer Armee aus primitiven Waffen gnadenlos verloren hatten. Aber sowas von. – In der Betrachtung wie einfach es Julius Cesar mit der Eroberung Galliens hatte – erlitt kaum Verluste – war der Versuch Germanien zu erobern in den nächsten Jahrhunderten ein ganz anderes Kaliber. Aber nicht nur Rom biss sich an diese „Dummköpfe“ die Zähne aus, sondern schon zuvor die Kelten, die immer mehr Gebiet an ihnen verlor und im Grunde von zwei Seiten aufgefressen wurden. Siehe z.B. die Geschichte von Ariovist. Selbstredend stimmt was mit dem Bild der Germanen nicht und dem Endergebnis geschuldet, müssten wir eher daraus lernen, was die Germanen gegenüber den Römer so alles richtig gemacht hatten. Tun wir aber nicht, sondern richten uns, wohl auch aus religiösen Gründen, den Verlierer der Weltgeschichte zu: Das Imperium.
    Hört man auch den meisten Menschen zu, dann erfahren wir auch, dass die Germanen eigentlich dümmer und weniger weit entwickelt waren als die Steinzeitmenschen und die Indianer in Amerika. Zu mindestens im direkten Vergleich. Vor allem letzteres auch wieder so ein geistreiches und siegreiches Volk, dass mit hohen Verluste zuschauen musste, wie es ganz einfach erobert werden konnte. Mit den Germanen kam für Rom eine neue Zeit. Im Grunde hatten sie mit dem Sieg in Karthago, den einzigen wahren Gegner besiegt und alle anderen, auch Ägypten, waren ein Spaziergang. Dieser Spaziergang wurde durch die Germanen gestoppt. Am Ende waren es auch die Germanen, die die Hunnen wieder nach Hause schlugen.
    Die Schrift scheint uns Menschen eine Art Scheunentorblick zu geben. So glauben noch heute viele, dass die Germanen keine Städte gehabt hätten. Weil vor allem Tacitus darüber zu berichten wusste. Aber was galt für Tacitus als Stadt? Denn anderseits wusste er was von einer Hauptstadt der Chatten zu berichten: Mattium. Seit Ptolemäus Karte ist bekannt, dass die Germanen also doch große Ansiedlungen hatten. Im Prinzip nichts verwunderliches, denn auch sie brauchten Verwaltungszentralen. Ohne dies, keine Marktplätze, auf der die Römer auch gerne handelten. Durch die Karte Magna Germania wissen wir jetzt auch, dass Trier in Wirklichkeit nur die älteste „beurkundete“ Stadt ist.
    Im 5. Jahrhundert wurde quasie das gesamt westliche Reich von den Germanen erobert. Keine Provinz Westroms kam alleine klar. Der östliche Teil des Imperiums verlor ebenso sehr schnell wichtige Provinzen. So relevant wie die späteren Osmanen waren sie eigentlich nie.

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