Freitag, 18. Juli 2014

Straßensicherheit und Mobilität Teil 3: Highway War


Afghanistans Straßen ... herausgeschlagen aus Felsen verlaufen sie zwischen gelben Dünen oder durch subtropisches Grün ... Oft sind sie gespickt mit den Kratern von den Explosionen der Mörsergranaten oder Landminen und am Straßenrand kann man die Hüllen ausgebrannter Fahrzeuge sehen - stille Zeugen des brutalen Krieges auf der Straße.

- Vierzig Kilometer - Roter Stern  26. Mai 1985
Armeezeitung des russischen Verteidigungsministeriums


Ein Kriegszustand ist für die Mobilität auf der Straße in der Regel das absolute Aus. Um Straßen wird gekämpft und Straßen werden bekämpft.

Wohin flüchte ich?
In welcher Richtung liegt mein Zufluchtsort? Liegt er in Richtung des anrückenden Feindes? Ist mein Zufluchtsort in der Nähe eines strategischen Ziels wie eines Wasserwerkes, eines Kraftwerkes, einer militärischen Einrichtung, eines Flugplatzes und so weiter? Liegt er vor oder hinter einem möglichen Ziel, wie einer Stadt? Verteidiger werden sich eventuell in Städte zurückfallen lassen und das ländliche Gebiet in Richtung des Angreifers aufgeben. In beiden Fällen ist mit Straßensperren zu rechnen. Kann ich mich von der feindlichen Armee übergehen lassen? Kann ich mich eventuell selbst an Störaktionen hinter feindlichen Linien beteiligen?


Mein Fahrzeug
Besitze ich einen angemeldeten Pritschenwagen, Pickup Truck, Kleinlaster oder Geländewagen? Die Regierung, die eigene oder spätestens die feindliche, wird alle Fahrzeuge die für sie einen Nutzen haben requirieren. In Deutschland wird die Requirierung von Kraftfahrzeugen sowie die Zwangsverpflichtung von Speditionen im Bundesleistungsgesetz für den Verteidigungsfall geregelt. Vom Ernstfall wird die Regierung vermutlich eher etwas mitkriegen als du. Eventuell ist dein Krisen Pickup Truck dann weg und du bleibst zurück, vertröstet mit einem Bereitstellungsbescheid der Bundeswehr der dir bestätigt, dass dein ganzes Konzept was an dem Fahrzeug hing jetzt am Arsch ist. Ganz abgesehen davon, dass ein Geländewagen in Tarnfarbe vielleicht schon an der ersten Straßensperre perforiert wird, wenn da eine besonders nervöse Besatzung ihren Dienst tut.



Gefahr durch Flugzeuge
Davon wer die Luftüberlegenheit hat und wogegen dieser kämpft hängt es ab, ob man sich auf der Straße überhaupt bewegen kann. Hat der Angreifer die Luftüberlegenheit, so visiert er eigentlich alles an was im feindlich kontrollierten Gebiet herumfährt, sieht aber davon ab Infrastruktur zu zerstören. Zumindest war es früher noch so, dass dieser Angreifer vorher Flugblätter abgeworfen hat, die darauf hingewiesen haben, dass Zivilisten sich nicht auf den Straßen aufhalten sollten. Heute werden es wohl eher Radiosendungen und SMS Nachrichten sein.

Basra Road: Die durch Luftschläge völlig zusammengeschossenen Reste der irakischen Armee.

Luftschläge fangen in der Regel an bevor feindliche Bodentruppen anrücken. Für den Survivalist der nicht bereits in seiner Bug out Location eingerichtet ist bzw. bereits vorher an einen strategisch günstig Ort gezogen ist, ist das Zeitfenster zum bugging out bereits zu. Feindliche Flugzeuge nehmen alles was auf den Straßen in Bewegung ist ins Visier, besonders Geländefahrzeuge die dazu vielleicht noch in Militärfarbe lackiert sind. Zu Fuß abzuhauen ist zwar noch etwas weniger riskant als mit dem Fahrzeug, die Situation am Boden bleibt aber ungewiss. Operieren bereits feindliche Stoßtruppen am Boden (um bspw. Ziele für Luftschläge zu markieren), die einen einfach abknallen, wenn man da mit irgendwelchem tactical Zeug im Wald zufällig ihren Weg kreuzt? Auch wenn ich unauffällig aussehe auf meiner Flucht, ich würde mich nicht darauf verlassen, dass ein Kommandotrupp bei Sichtkontakt einfach ihre eigene Mission als kompromittiert meldet, abbricht und verschwindet.

Die Flugzeuge der eigenen Seite werden vielleicht auch Brücken bombardieren welche nicht rechtzeitig gesprengt werden konnten um den Einmarsch des Feindes zu verlangsamen. Führt mich meine Fluchtroute beispielsweiße über oder unter einer Brücke durch, so sollte ich eine alternative Route haben und damit rechnen, dass diese Brücke bereits zerstört ist. Während früher eine Bewegung bei Nacht auf den Straßen noch möglich war in einer solchen Situation, ist dies heute dank moderner Nachtsichttechnologie nicht mehr der Fall.


Straße als Schlachtfeld
Die Straße wird selbst zum Schlachtfeld. Armeen beider Seiten wollen befahrbare Straßen immer nutzen um schneller die eigenen Truppen verlegen zu können. Viel neueres Kriegsgerät hat nur noch Radantrieb und keine Ketten mehr. Das Resultat ist, dass außerhalb der Straßennetze gepanzerte Fahrzeuge wie der Stryker im Morast stecken bleiben und auf Straßen angewiesen sind.


 Eine zerschossene Tankstelle irgendwo am Rand der Bundesstraße zwischen Zagreb und Belgrad

Militärs werden aber auf der Straße aufeinander zufahren wie Ritter zu Pferd aus alten Tagen, sie werden versuchen frühzeitig wichtige Punkte zu erobern und sich dort eingraben. Dann wartet man darauf, dass sich der Feind nähert. Wichtige Verkehrsknotenpunkte liegen oft in Städten und Dörfern bzw. diese haben sich an wichtigen Verkehrsknotenpunkten gebildet. Die Autobahnen um die Städte herum werden blockiert sein um auch die Zugangsmöglichkeiten in die Stadt zu kontrollieren. Eine solche Straße auch nur zu Fuß zu überqueren kann sehr gefährlich sein.



Hinterhalte
Reguläre Armeen versuchen durch Kommandoaktionen im Rücken des Feindes dessen Nachschublinien zu stören und Chaos zu stiften. Auch Gebiete im Rücken einer Front gerade um Straßen und strategische Einrichtungen sind daher nicht wirklich sicher. Kommandoaktionen können Fahrzeugkolonnen des Feindes überfallen, Straßen blockieren, Ziele markieren und Rückzugswege abschneiden.

Im Falle einer irregulären Kriegsführung wird dies sogar zur Regel.

Beispiel für einen Hinterhalt auf einen portugiesischen Militärkonvoi während des Unabhängigkeitskriegs in Angola. Hinterhalte können sich auch über mehrere Kilometer erstrecken. Wirklich angegriffen wird dagegen eher nur noch, wenn es darum geht Ausrüstung zu erbeuten. IED Sprengsätze bzw. unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung sind mittlerweile mehr in Mode gekommen, wenn es darum geht einem Gegner zu schaden.

In Syrien wird so momentan vor allem um den M5 Highway gekämpft, welcher den Norden des Landes von Aleppo über Hama, Homs, Damascus bis nach Süden mit Daraa verbindet. Vom Jordanien bis zur Türkei ist er die wichtigste Versorgungsroute für die Rebellen und Dschihadis im Inneren des Landes. Wer diese Autobahn kontrolliert, kontrolliert das Landesinnere.

In der Ukraine hatte das ukrainische Militär die pro-russischen Separatisten in Sloviansk eingekesselt. Weil diese Separatisten nur ein Haufen kleinkrimineller Gauner und arbeitsloser Trottel sind, die von militärischer Planung keine Ahnung haben, haben sie viel zu spät versucht auszubuggen und über eine nicht gesicherte Route nach Donetsk zu entkommen, noch so einem Räubernest. Auf der Fernstraße H-20 wurden sie kurz nach dem Verlassen der Stadt Sloviansk vom ukrainischen Militär zusammen geschossen.

https://www.youtube.com/watch?v=UvX04kFmXKA
Klick Bild für Video : Simon Ostrovsky war für VICE News vor Ort.


Anstatt sich zurückfallen zu lassen und die ukrainische Armee in der Stadt zu binden, anstatt die M3/E40 Straße nach Süd-Osten zu nehmen bzw. die Landwirtschaftsstraßen um die M3/E40 herum, wählte man die kürzeste, damit offensichtlichste, und unübersichtlichste Route aus. Auf den Bildern sieht man, dass diese Straße zu beiden Seiten mit Grünzeug umgeben ist. Der Gegner hat hier nicht nur ideale Sichtdeckung, eigene Fahrzeuge können auch nicht ausbrechen. Was hinter der nächsten Anhöhe ist kann man auch nicht sehen. Ideal für einen Hinterhalt. Und diese Trottel fahren da mit BMP-2 Schützenpanzern, T-72 und PKWs entlang. Geregnet hat es an dem Tag offensichtlich auch, weshalb ein ausweichen des schweren Geräts durch die Felder um Sloviansk herum mit dem Risiko verbunden gewesen wäre stecken zu bleiben.
Das ganze ist so dämlich, das ist kein strategischer Fehler mehr, das ist natürliche Selektion. Dumme Kleingangster wollten Rote Armee spielen und bekamen eine auf den Sack. Idioten.


Straßen blockiert

Um Straßen einfach zu blockieren gibt es eine Reihe Möglichkeiten. Entweder man legt einfach Hindernisse wie Baumstämme und Geröll darauf oder man sprengt Löcher hinein, je nachdem ob man Fahrzeuge verlangsamen möchte oder sie ganz am weiterfahren hindern will.



Alirhejan östlich von Hama

Straßen können aber auch durch Dammbrüche und Schleusenöffnungen naher Kanäle geflutet werden.
Im November 1944 fluteten die deutschen Truppen in Holland den Fluss Maas und verlangsamten damit den Vorstoß der Alliierten. Im September waren die Alliierten bereits mit der Operation Marked Garden in den Niederlanden gescheitert, da sie die Schnellstraße 69 (heute die A50) nicht einnehmen und halten konnten. Störaktionen durch deutsche Truppen waren entlang der Straße so massiv, dass sie bei den Alliierten den Beinamen Hell's Highway erhielt.



Ausweichmöglichkeiten

Die einzige Ausweichmöglichkeit die ich sehe sind Forstwirtschaftswege. Hier ist aber auch Vorsicht geboten. Sollte in dem Wald bereits eine Kompanie der eigenen Armee lagern und lauern, dann wird sich das zu erkennen geben, indem bspw. die breiteren Wege bereits blockiert sind.

Baumsperre

Innerhalb des Waldes deutscher Kulturlandschaften verlaufen Forstwirtschaftswege meistens in quadratisch angelegten Musterformationen. Ein Kompass um sich hier zu orientieren ist von großem Wert. Heute ist es verboten mit einem Fahrzeug in den Wald zu fahren, in einer Bug out Situation kann es das Leben retten, wenn man eine alternative Route abseits der Landstraßen und Autobahnen kennt.


Das US Army Feldhandbuch FM 21-18 gibt einen Einblick darin, wie Militärs Truppenbewegungen zu Fuss und motorisiert organisieren.



Aus dieser Reihe:

Straßensicherheit und Mobilität Teil 1: Fluchtbewegungen
Straßensicherheit und Mobilität Teil 2: White-lined Nightmare



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