Dienstag, 26. August 2014

Killologie: Mein Feind


Die meisten Menschen haben innere Hemmungen davor einen anderen Menschen zu töten und eine mentale Blockade verhindert im Moment der Wahrheit vielleicht, dass sie ihr eigenes Leben retten indem sie einen Gegner töten. Wer es dann doch tut, der wird durch seine Tat oft mental sehr belastet.


Mein Feind

Die meisten begreifen ihren Feind, den Gegner, letztendlich doch als Menschen und von Angesicht zu Angesicht verursacht das Hemmungen ihn zu töten. Töten sie ihn dann doch, so entsteht vorerst, ähnlich wie beim Jagdtrieb, ein euphorisches Gefühl. Hurra! Ich hab ihn erwischt! Ich habe meinen Auftrag erfüllt und mein Leben gerettet!
Erst später tritt Reue ein und man hat Mitleid mit dem getöteten Feind, fühlt sich diesem sogar verbunden.

Der englische Dichter Wilfred Owen verarbeitete seine Erlebnisse aus dem ersten Weltkrieg in mehreren Gedichten, von denen eines Strange Meeting "Die seltsame Begegnung heißt". In dem Gedicht geht es um einen Soldaten, der in die Unterwelt reist und dort den Feind wieder trifft, den er am Tag zuvor getötet hatte.

I am the enemy you killed, my friend.
I knew you in this dark; for so you frowned
Yesterday through me as you jabbed and killed.

I parried; but my hands were loath and cold.

Owen wurde, fast bis auf die Stunde genau, eine Woche vor dem Waffenstillstand 1918 bei der Überquerung des Sambre–Oise Kanals getötet.

In Deutschland verarbeitete der Kriegsteilnehmer Erich Maria Remarque seine Erfahrungen in einer ähnlichen Weise. In seinem Buch Im Westen nichts neues wird der junge Freiwillige Paul Bäumer, das Buch ist in seiner Ich-Perspektive geschrieben, von seiner Einheit getrennt und kauert während des feindlichen Gegenangriffes in einem Granattrichter. Er zieht ein Messer, denn sein Überlebenswille ist groß. Die vorbeistürmenden französischen Soldaten beachten ihn zunächst nicht, bis einer von ihnen ihn in den Trichter springt. Bäumer ersticht den Feind in einer rein impulsiven Handlung. Ich denke nichts, ich fasse keinen Entschluß.


Dann beginnt Bäumers Martyrium. Er kann aus dem Trichter nicht raus und ist dort gefangen mit dem sterbenden Franzosen. Er sieht die direkten Konsequenzen seines Handelns und durchlebt in diesem Loch verschiedenste Emotionen, je länger er mit seiner Tat konfrontiert wird.
Zuerst verkriecht sich Bäumer in der entferntesten Ecke des Trichters, immer noch mit dem Messer in der Hand und beobachtet den Sterbenden. Adrenalin schießt immer noch durch seine Adern, bereit sofort wieder auf ihn einzustechen. Als Stunden vergehen und er immer noch im Trichter steckt versucht er den getöteten Feind zu ignorieren, an ihm vorbei zu sehen. Seine blutverschmierte Hand verursacht bei ihm Übelkeit, er reibt sie mit Erde ein um das Blut nicht mehr sehen zu müssen. Als der Sterbende wieder Lebenszeichen von sich gibt versucht Bäumer ihm zu helfen, gibt ihm Wasser, verbindet seine Wunden. Einerseits aus Angst davor von den anderen Franzosen gefunden und gefangen genommen zu werden, andererseits in der Todesangst für seine Tat büßen zu müssen. Die Ohnmacht frustriert ihn bald, er wird wütend darüber, warum der Mann nicht endlich stirbt. Als der Mann dann stirbt, tot ist, verschärft sich das Gefühl der Schuld. Die Stille ist schlimmer zu ertragen als das Röcheln des Todeskampfes. Seine Gedanken rasen darum, was der Tote für ein Mensch gewesen war.
Aber du warst mir vorher nur ein Gedanke, eine Kombination, die in meinem Gehirn lebte und einen Entschluß hervorrief – diese Kombination habe ich erstochen. Jetzt sehe ich erst, daß du ein Mensch bist wie ich. Ich habe gedacht an deine Handgranaten, an dein Bajonett und deine Waffen – jetzt sehe ich deine Frau und dein Gesicht und das Gemeinsame.
Remarque lässt die Figur des Paul Bäumer jene Phasen durchleben, die auch der Militärpsychologe Lt. Col. Dave Grossman aus seinem Umgang mit Veteranen beschreibt, welche im Krieg Menschen getötet haben. Diese sind dem Trauerprozess und sogar den Sterbephasen nach Ross sehr ähnlich. Zuerst das Nicht-wahrhaben-Wollen, dann der Zorn, das Verhandeln, die Depression und schließlich, als er wieder bei seinen eigenen Leuten ist, die Akzeptanz.
Vergib mir, Kamerad, wie konntest du mein Feind sein.
Der Autor lässt Bäumer jenes durchleben, was Soldaten überall und zu jeder Zeit erlebt haben. Die Erkenntnis, dass der Mann gegenüber ein verschwommenes Bild seiner Selbst ist, dass man ihm in diesem Moment auf der ganzen Welt noch am nächsten ist.
The enemy soldier, too, has to undergo the readjustments that come with enlistment and basic training, the gnawing anticipation on the eve of battle, and the experience of battle itself. The enemy may wear a different disguise or march to a different rhetoric. Yet he is an image, albeit seen in a grubby and distorting mirror, of the soldier himself. When Captain Sam's company killed nineteen and wounded four North Vietnamese on Hill 130, the marines relished the taste of revenge, rifled the enemy's discarded packs, and told war stories. Some, thought Charles Anderson, reched the bottom level of his reflection and 'came to see the young Vietnamese they had killed as allies in a bigger war of individual existence, as young men with whom they were united throughout their lives against the big impersonal "thems" of the world ... In killing the grunts of North Vietnam, the grunts of America had killed part of themselves.
Acts Of War: A Novel of Police Terror - I Am the Enemy - Page 393

Der Autor James Jones verarbeitete seine Kriegserfahrungen, u.a. die Schlacht um Guadalcanal, in einer Trilogie, von der vor allem The Thin Red Line durch seine Verfilmung 1998 bekannt wurde. Er verarbeitet durch fiktionale Charaktere und eine geradezu spirituelle Atmosphäre seine eigenen Erlebnisse, unter anderem einen japanischen Soldaten mit bloßen Händen getötet zu haben. Das Buch, wie auch der Film, ist ein sehr philosophisches Werk. Nur wenige Betrachter sind in der Lage das zu verstehen, denn die Meisten erwarten einen Action geladenen Kriegsfilm, was sie Blind macht gegenüber dem eigentlichen Inhalt.

Maybe all men got one big soul everybody's a part of, all faces are the same man.
Jones beschreibt hier, was bereits Kaiser Marc Aurel beschrieben hatte. Dass von irgendeinem Bauchgefühl her die Menschen alle Teil eines größeren Ganzen wären.
Einen Teil davon wegzubrechen, ganz egal wie klein er sein mag, von der bestehenden Verkettung, aus welchen Gründen oder durch welche Umstände auch immer, verletzt das Ganze.
Marc Aurel - Selbstbetrachtungen
Das Werk Selbstbetrachtungen entstand in den letzten Lebensjahren des Kaisers, in denen er sich vorwiegend im Feldlager aufhielt. Zu dieser Zeit führte das Römische Imperium einen bitteren Abwehrkampf gegen eindringende Barbarenvölker.

We may never understand the nature of the force in humankind that causes us to strongly resist killing fellow human beings, but we can be thankful for it. And although military leaders responsible for winning a war may be distressed by this force, as a species we can view it with pride. It is there, it is strong, and it gives us cause to believe that there may just be hope for humankind after all.
- Lt. Col. Dave Grossman



Aus dieser Reihe bisher erschienen:

Psychologie: Töten in einem Kampf



Kommentare:

  1. brilliant!!!

    vor allem weil
    "Dass von irgendeinem Bauchgefühl her die Menschen alle Teil eines größeren Ganzen wären"
    deshalb ja die verschiedenen phasen, die man als unkonditioniertes bzw. ja dekonditioniertes wesen (da wir ja als riesen zur welt kommen und dann von zwergen erzogen werden) unweigerlich alle verstehen und aktzeptieren muss, um am ende das grosse ganze erkennen zu können, genannt DAS leben als prozess der ewigen entwicklung und nicht als geldsklave, gefangen im ego bewusstsein, getrennt vom wahrhaftigen!

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    1. Ich glaube nicht im geringsten an irgendeinen Scheiss vom Kollektivbewusstsein oder dass das eigene Ego etwas schlechtes wäre. Wenn du hier meinst überall etwas vom Geldsystem reinschneuzen zu müssen, dann lass das gefälligst bleiben. Ich schmeiss das sonst raus.

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