Freitag, 12. September 2014

Moderne Körperpanzerung

Beschusshemmende Westen, Helme und Splitterschutz kann einem Leben und Gliedmaßen retten.


Geschichte
Der breite Einsatz von kugelsicheren Westen fand erst relativ spät im 20. Jahrhundert statt, was zumal an den immensen Kosten lag. Die ersten kugelsicheren Westen aus Seidengewebe waren ausgerichtet auf Schwarzpulvermunition in kleineren Kalibern als die moderne 9mm Patrone. Die Weste welche der Erzherzog von Österreich Franz Ferdinand während des Attentates in Sarajevo getragen hatte, dürfte nach heutigen Maßstäben ungefähr 14.000 Euro gekostet haben. Zu blöd nur, dass ihn eine Kugel in den Hals getroffen hat.

Der darauf folgende Weltkrieg hat dann einen breiten Markt geschaffen für Splitterschutz und beschusshemmende Kleidung. Als erstes führte die französische Armee Helme ein, da der Grabenkrieg zu einem drastischen Anstieg an Kopfverletzungen geführt hatte. Der Adrian Helm war im Grunde der Helm der pariser Feuerwehr. Die englischen Truppen folgten kurz darauf, wobei diese das mittelalterliche Design des Eisenhutes kopierten. Man sieht an der Form des Helmes, dass er vor allem gegen Einwirkungen von Oben, also herabfallende Trümmerteile und sowas, designt war. Die Deutschen mussten am Anfang noch improvisieren, bekamen dann aber 1916 endlich ihren eigenen Helm. Wie die Briten orientierte man sich bei den Deutschen an einer mittelalterlichen Helmform und wählte dafür einen gotischen Schaller. Dieses Design ist noch heute das vorherrschende Muster nachdem moderne Militärhelme designt wurden.

In britischen Zeitungen dieser Zeit finden sich viele Werbeanzeigen für Schutzhandschuhe gegen Stacheldraht, kugelsichere Waffenröcke und, wie auf dem Bild dargestellt, Plattenharnische zum einpacken. Im Krieg fanden solche Sachen aber nur geringe Verwendung, vor allem wegen des Preisschilds. Die englische Militärführung verzeichnete nach der Einführung des Stahlhelms übrigens einen hohen Anstieg der Kopfverletztungen und geriet beinahe in die Schlussfolgerung, dass sie den Helm wieder aus dem Ausrüstungssortiment entfernen wollte. Der massive Anstieg von Kopfverletzungen kam daher, dass diese Soldaten ohne den Helm getötet worden wären und nicht in der Verwundeten Statistik aufgetaucht wären. Die britische Militärführung untersagte es während des Krieges übrigens auch den Piloten der Royal Air Force Fallschirme mitzugeben, weil sie dachten eine Fluchtmöglichkeit würde deren Bereitschaft zu kämpfen untergraben. Kein Scheiss.

Ohne seinen Helm wäre dieser Soldat wahrscheinlich getötet worden

Vor und während des zweiten Weltkriegs war es ähnlich. Zwar gab es Experimente mit neuen Verbundstoffen wie Vulkanfiber, nie wurde aber etwas weitläufig sondern nur experimentell eingesetzt, mit Ausnahme der Splitterschutzwesten für die alliierten Bomberbesatzungen. Flakgeschosse explodieren in einer bestimmten Höhe und sollen Flugzeuge durch Splitter beschädigen und die Besatzung töten. Diese ersten Splitterschutzwesten wurden deshalb "Flak Jackets" genannt und das Wort "Flak Jacket" für Splitterschutzweste ist so in die englische Sprache eingegangen.


Moderne Körperpanzerung
Während des zweiten Weltkriegs hatte Dow Chemical Gewebe entwickelt, welches Splitterschutz bieten konnte und gleichzeitig leicht genug war für den einzelnen Soldaten. Das Gewebe bestand mehreren Lagen Glasfasermatten welche mit Methacrylat miteinander verleimt wurden. Dieses Material erhielt den Markennamen ,,Doron Type 2''. Typ 1 wurde vorher mit Ethylcellulose verklebt, die sich bei hohen Temperaturen aber leicht aufweichte und den ballistischen Schutz des Materials verminderte. Für den Kriegsschauplatz im Pazifik wurden kurz vor Kriegsende noch experimentelle M12 Splitterschutzwesten geliefert, welche allerdings keine Kampfhandlungen sahen um irgendwelche Testergebnisse zu sammeln.

 M12 Splitterschutzweste

Erst ab dem Koreakrieg kam es zu weitläufigeren Einsätzen von Splitterschutzwesten. Die Untersuchungsgruppen des US Militärs und Dow Chemical fanden dabei heraus, dass 92% aller Verletzungen im Kampf durch Splitter entstanden sind. Hektisch hatte man dann experimentelle Modelle nach Korea geflogen, welche sechs Jahre zuvor bei der Landung auf Okinawa ausgegeben wurden, aber an Einheiten die nicht an den Kämpfen beteiligt waren. Die meisten heißt es, sind irgendwie verloren gegangen auf dem Weg. Aber die ungefähr 50 Stück, die dann doch an die Truppen ausgegeben wurden, wurden damit gelobt Leben gerettet zu haben.

M12 Weste in Korea: Mit der Ankunft neuerer Modelle wurden diese Westen an Unterstützungstruppen weitergegeben.

Die Army wollte währenddessen verbesserten Splitterschutz haben. Doron Platten wurden schließlich verworfen, da das Fiberglasgewebe bei stärkeren ballistischen Einwirkungen in die Wunden eindringen konnte. Schließlich entschied man sich für mehrere Lagen Nylongewebe über welchem aber Doron Platten zusätzlich angebracht wurden. Die 40 zur Verfügung stehenden Westen wurden dann rotiert unter tausenden von Trägern um eine möglichst breite Feldstudie führen zu können. Dass diese Westen aus Nylon bestanden löste bei manchen zuerst ein etwas unbehagenes Gefühl aus, da dieses Material vor allem mit Damenstrümpfen in Verbindung stand und nicht mit irgendeiner Art Schutzwirkung.

Hauptkritikpunkte waren aber, dass es unter der Weste sehr heiß werden konnte und sie durch Feuchtigkeit von Außen, wie Regen, noch zusätzlich Gewicht in sich aufsaugte. Korea ist ein Land mit nur drei Jahreszeiten. Winter, Winter und ein sehr heißer Sommer.

M1951 Splitterschutzwesten in Korea: Man erkennt recht gut die Platten unter dem Stoff.

Die breite Verwendung von Splitterschutzwesten während des Koreakrieges hat nicht nur gezeigt, dass sie Todesfälle und schwere Verwundungen unter den Soldaten massiv reduzieren können, sondern auch einen positiven Effekt auf die Moral der Träger und eine erhöhte Kampfbereitschaft.

1965 entdeckte DuPont dann das Aramidgewebe Kevlar, als man eigentlich nach einem Verstärker für Gummiprodukte wie Autoreifen und Industriefließbänder gesucht hat. Synthetisches Aramidgewebe war dreimal stärker als Nylongewebe. Aramidgewebe wird auch im Bauwesen eingesetzt für bspw. Stadionüberdachungen.
Die Initiative bei der Erprobung ergriff jedoch die Polizei, welche dringend eine eigene schusssichere Weste benötigte. Die klobigen Splitterschutzwesten waren zu dieser Zeit das Einzige, was der Polizei zur Verfügung stand, aber für den Polizeidienst völlig unpassend waren. Polizisten wollten damals eben nicht aussehen wie das Militär.

Schließlich wurde von DuPont genug Kevlar geliefert für ballistische Tests. Auf dem Schießstand des Forschungs- und Entwicklungseinrichtung Aberdeen, Maryland, wurden 100 Ziegen mit Kevlargewebe eingekleidet und mit Kalibern bis .38 Smith&Wesson beschossen. Alle Ziegen überlebten den Versuch.

Später ging man dann dazu über auch wieder Platten zu verwenden um Gewehrgeschosse aufzuhalten. Die Sowjets verwendeten hierfür Stahlplatten, von denen viele Soldaten auch mehrere als nur die Stantartanzahl übereinander legten. Weitläufig hat sich aber Keramik als Material für solche Platten durchgesetzt, welches auch für die Panzerplatten an Fahrzeugen genutzt wird. Seitdem unterscheidet man auch zwischen der Weichballistik, dem weichen Gewebe, und der Hartballistik, also den harten Platten.

Helme dagegen waren noch sehr viel länger aus Stahl gefertigt worden. Erst relativ spät wurde bei der US Army der PASGT Helm aus Kevlar in Dienst gestellt. Dieser neue Helm kopierte das ,,Fritz'' Design deutscher Helme, hatte an den Ohren auswölbungen um das Tragen von Ohrenschützern oder Funkgeräten zu erleichtern und machte einen Bogen am Nacken, was den Helm beim Aufschauen auf dem Boden liegend wesentlich angenehmer machte.

Soldaten welche in Vietnam amerikanische Ausrüstung trugen hatten oft das unangenehme Problem, dass sich in liegender Position beim aufsehen oft der M1 Helm und der Kragen ihrer Schutzweste aufeinander schoben und damit der Helm nach vorne in ihr Sichtfeld rutschte. Mit wenigen Ausnahmen ist das ,,Fritz'' Muster für moderne Gefechtshelme heute das am meisten verbreitete.
Es dauerte hier aber auch wieder eine ganze Weile bis man das drei-Punkte System des deutschen Fallschirmjägerhelms adaptierte, da bei amerikanischen Helmen in der Regel, bis zur Einführung des MICH Gefechtshelms, nur an zwei Punkten der Kinnriemen befestigt wurde. Das Drei-Punkt System, zwei Punkte jeweils einer über dem Ohr für den Kinnriemen und einer über dem Nacken, ermöglicht gerade für den Fallschirmsprung ein sichereres Tragen.

Drei-Punkte System


Schutzklassen moderner Körperpanzerung

Wesentliche Schutzklassen(SK) sind:

SK 1 und Level IIIA: Schutz vor Kurzwaffenmunition mit Weichkern und Rundkopf- oder Teilmantel- beziehungsweise Hohlspitzgeschossen.
SK 2: Schutz vor Kurzwaffenmunition mit Hartkern.

SK3 und Level III: Schutz vor Langwaffenmunition mit Vollmantel und Weichkern oder Teilmantel beziehungsweise Hohlspitze

SK4 und Level IV: Schutz vor Langwaffenmunition mit Vollmantel und Hartkern
SK1 Weichballistikeinlagen für Rücken und Front

Eine Schutzklasse wird durch Kombination des Materials erreicht. Eine Weichballistikeinlage der Schutzklasse 1 und eine Hartballistikplatte bspw. aus Keramik welche Geschosse bis zu .308 bzw. 7.62x51 NATO aufhalten kann ergeben zusammen die Schutzklasse vier. Es kann je nach Hersteller unterschiedlich ausfallen, welches Kaliber die Hartballistikplatten aufhalten. Der US Army Standard hält Kaliber bis .308 auf, andere Hersteller bis zu 30-06.

Zwei Hartballistikplatten, auch SAPI (Small Arms Protective Insert) genannt.

Hartballistikplatten können bei Treffern nach außen wie auch nach innen splittern, weswegen darunter für gewöhnlich Weichballistikeinlagen getragen werden.



Verletzungen ohne Körperpanzerung:
Die meisten Verletzungen auf dem Schlachtfeld entstehen nicht durch Kugeln, sondern durch Schrapnelle und Splitter.

Jeder der roten Punkte auf dem Rücken dieses Mannes ist durch ein Schrapnell entstanden. Hauptsächlich war der Torso Bereich betroffen, so dass er kurz nach dem dieses Bild gemacht wurde verstorben ist. Sind die Splitter erstmal drin, sind sie drin. Werden sie dann drin gelassen, so kann eine äußerlich verheilende Wunde auch wieder zu eitern anfangen.


Der Oberschenkel einer Frau wurde von einem Splitter aufgerissen. Sieht aus wie ein Marmeladenbrötchen.

Nicht alle Splitter stammen dabei von Geschossen ab. Umherfliegende Steinchen können genauso Arterien durchschlagen und ins Auge gehen.



Verletzungen mit Körperpanzerung

Übliche Verletzungen die beim Verwenden von beschusshemmenden Westen entstehen können sind "Blunt Force Trauma" bzw. "Blunt Impact Trauma" genannte Verletzungen. Auch wenn das Geschoss aufgehalten wird, der Druck welchen das Geschoss in seiner Masse und Geschwindigkeit verursacht ist immer noch da. Das ist so als würde man mit einem Baseballschläger betroffen werden und kann auch schon mal eine Rippe brechen. Besser als eine Kugel im Bauch ist es aber allemal.

Diesem Marine wurde von seiner M1951 Weste wahrscheinlich das Leben gerettet. Eine Salve 7,62x25mm Tokarev konnte die Weste nicht durchdringen und hinterließ so nur einige Blutergüsse durch die Aufprallverletzung.

 Ohne seinen Helm wäre dieser Marine wahrscheinlich getötet worden.


Zwar hielt die Keramikplatte dieses Soldaten die Kugel auf, doch wir sehen dass sein Halsschutz vollgeblutet ist. Das kommt daher, dass sobald eine Kugel die Keramikplatte trifft von dieser winzige Keramikteile absplittern. Diese winzigen Steinchen werden selbst wieder zu Geschossen, die in die Haut eindringen können. Es kann dadurch vorkommen, dass Soldaten deren Keramikplatten getroffen wurden, Verletzungen an Knien und Kinn bekommen. Aus diesem Grund trägt man auch einen Kragen!

Die Schutzbrille hielt in diesem Fall einige Splitter auf, die diesem Marine ein Auge hätten kosten können.

Die Sicherheitssohle dieses Kampfstiefels, in welche wabenförmige Schichten aus Aluminium eingearbeitet waren, schützte den Fuß des unglücklichen Soldaten zumindest gut genug, dass dieser anschließend nicht amputiert werden musste.

Sohle eines BfR Blast Boot nach der Detonation einer Anti-Personenmine.


Welche Art der Körperpanzerung für welche Auftragslage für den Survivalisten geeignet ist erfahrt ihr im nächsten Teil. Über Eigenbau und Improvisation lesen sie den dritten Teil.




Kommentare:

  1. Ok zweiter Versuch.

    Militärische Schutzwesten und Helme ok, aber eben auffällig, zumal in unserem entwaffneten Land auch post collapse.

    Lösungen sind z.B. Helme, die nicht auf den ersten Blick ballistische Schutzwirkung haben und entsprechend gefärbt als Fahrradhelm durchgehen (ops core half cut) oder in heissen Ländern hab ich ein paar mal bei Westlern eine zunächst interessante israelische Computertasche gesehen, die mit einem Handgriff aufklappte und eine Matte bildete, die immerhin Schutzklasse 2 (Vollmantel KurzwaffenGeschosse) bieten sollte.

    http://www.hagor.com/HTMLs/Popup.aspx?C0=12313&BSCRP=2

    Leider kann ich nicht beurteilen ob sowas sinnvoll sein kann oder nicht.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Für Personenschützer ist so ein Koffer sinnvoll, der Survivalist ist aber kein Personenschützer. Es gibt auch Rucksäcke mit ballistischer Schutzwirkung. Und der Ops Core Bump Helm bspw. sieht schon sehr aus wie ein Fahrradhelm. Nur wozu braucht man sowas? Wozu unauffällig? In welcher Situation?

      Wie gesagt, Auftragslage im nächsten Teil. Weitere werden folgen.

      Löschen
  2. Wozu braucht mans? Auftragslage...

    Argentinisches Szenario mit sporadischen Gewaltausbrüchen und einer Polizei die noch versucht ihr Gewaltmonopol durchzusetzen und Jagd auf alles irgendwie militärisch Aussehende macht.

    Der Ops Core Bump ist nicht ballistisch.

    Den echten bekommt man extrem schwierig und überteuert wg ITAR (Ausfuhrrestriktionen)
    Aber das Problem gibts bei Ami Produkten ohnehin zunehmend.

    AntwortenLöschen
  3. Nagelneue Schutzwesten der Klassen eins bis vier, mit oder ohne Aramidplatten bekommt man sehr günstig bei Ebay. Ebenso Nato Helme aller Art und auch Nagelneu!!! Bitte drauf achten, das die angebotenen Artikel wirklich für Streitkräfte hergestellt wurden und ballistischen Schutz bieten und nicht Fakes für Paintball Veranstaltungen sind!!! Wichtig zu wissen, alle ballistische Schutzbekleidung hat ein Ablaufdatum, da UV einwirkung und Schweiß dem Material zusetzt und die ballisische Schutzwirkung vermindern kann. Am besten, man erwirbt original verpacktes, neues Material. Das kann deutlich über Ablauf getragen werden, da keine schädliche Einwirkungen vorliegen. Schusstests mit .308 Büchsenmunition aus 50m hat einwandfrei ergeben, das selbst 15 Jahre alte Aramidplatten völlig problemlos 3 bis 4 Treffer wirksam aufhalten, wenn sie nicht zu dicht beieinander liegen.
    Vorsicht ist geboten bei gebrauchten älteren Produkten der Fa. Second Chance, diese verlieren teilweise erheblich ihre ballistische Schutzwirkung, besonders durch Schweißeinwirkung.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja. Hab eine OTV Interceptor mit weich und nagelneuen Harteinschüben und nem Haufen Taschen und so für 250€! bekommen. Da kann 'Tactical retail' einpacken.

      Löschen
  4. Bei ebay gibt es 15 Jahre alte Schutzwesten der Marke Second chance. Bei Sonne usw altern die Dinger ja recht schnell. Aber sind die nach 15 Jahren ohne Sonne und Temperaturwechsel (also eigentlich neu da gut gelagert) auch noch sicher?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Finger weg. Das Zeug ist Dreck! LL

      Löschen
    2. Ok, hab mich jetzt für eine Standardschutzweste entschieden, die ist etwas schwerer, aber dafür neu. Hab noch ne BW Splitterschutzweste von 1995. Ob die noch wirkt ist wohl auch fraglich.

      Löschen