Dienstag, 21. Oktober 2014

Wie man eine Miliz organisiert - Teil 2

Aufgabenteilung, Einsatzplanung, Koordination und Durchführung



Was ist die Auftragslage der Bürgerwehr bzw. Miliz?

In Krisenzeiten wird die Aufgabe der Nachbarschaftswache, Bürgerwehr oder Milizgruppe in erster Linie die Bewachung und das Absichern des eigenen Rückzugsraumes sein. Also die Gegend in der man wohnt, arbeitet und seine Nahrungsmittel anbaut. Damit begibt man sich zivilisatorisch gesehen ziemlich zurück, als in jedem Dorf ein anderer Stamm gelebt hat der mit denen drum herum um Wasser und Tiere konkurriert. Dies ist aber sicherheitstechnisch gesehen absolut notwendig.


Planung
Als erstes muss man das eigene Operationsgebiet erfassen. Hierfür sollte man mehr zur Verfügung haben als Straßenkarten aus dem Handschuhfach. Topografische Karten finden sich beim statischen Vermessungsamt ihres Bundeslandes. Dies kann ergänzt werden durch ein Programm mit Satellitenbildern.

Habe ich dieses Kartenmaterial dann zusammen muss ich selbst eine Karte meines Operationsraumes anfertigen. Eine Karte mit einigen Modellen auf einem Tisch platziert auf der man Fähnchen verschieben kann macht später die Koordinierung einfacher und man behält leichter eine Übersicht.

Als Modelle reichen Spielzeugautos, Plastiksoldaten, Zigarettenschachteln, Münzen, Schachfiguren und alles was man gerade so zur Hand hat um Personen und Objekte darstellen zu können.


Operationsgebiet
Als Beispiel für die Einteilung des eigenen Operationsgebietes dient uns hier Beispieldorf. Beispieldorf ist kein typisches Straßendorf, wo sich einfach auf beiden Seiten der Straße Häuser befinden. Es verfügt über einen dichten Ortskern durch den mehrere Straßen verlaufen und eine Siedlung im Süd-Westen.


Gäbe es jetzt eine Krise, so wäre dieses Dorf schwieriger einzuteilen als ein Straßendorf in das eine Straße hinein- und eine Straße hinausgeht. Wir haben hier allerdings vier Straßen und mehrere Wege. Zudem liegt das Dorf in einem Tal und die Anhöhen darum herum sind bewaldet.

Als erstes muss man klären welche Bereiche es besonders zu schützen gilt. Die Felder und Obstgärten drum herum und auch zwischen dem alten Ortskern und der Siedlung sind essentiell wichtig und müssen geschützt werden. Die Siedlung im Westen muss eventuell, wenn die Gruppenstärke absolut nicht ausreicht um diesen Bereich zu schützen, aufgegeben werden. Wir gehen jetzt mal davon aus, dass dies nicht der Fall ist, weil wir alle krasse Survivalisten sind und so.

Ich teile also den Bereich in verschiedene Sektoren ein. Diese Sektoren sind im Uhrzeigersinn und nach dem Funkalphabet geordnet. Diese Sektoren sollten so angelegt sein, dass jeder Sektor von jeder Ecke einsehbar ist. Grenzen sollten also Baumreihen, Straßengräben und Mauern sein. Alles woran sich die Mitglieder der Gruppe orientieren können und was ihnen Sichtdeckung bietet, wenn sie sich im Gefahrenfall einem Sektor nähern.
Die bewohnten Ortsteile erhalten Nummern, damit diese sich von den Feuerzonen gleich per Funk unterscheiden und bei einem eventuellen Alarm gleich darüber informiert wird, dass man hier vorsichtiger vorgehen muss, um Mitglieder der eigenen Gemeinschaft nicht zu gefährden.

Für die Sektoren sollten Beschusskarten angefertigt werden, welche beschreiben wie weit die Entfernungen innerhalb des Sektors sind. Das ist nicht nur wichtig für Scharfschützen die in dem Beispielfall keine professionellen Militärs sein werden, sondern auch für alle anderen.

Beispiel für eine Beschusskarte aus dem US Feldhandbuch FM 3-21.3 SBCT Infantry Rifle Platoon and Squad.


Kommunikation
Für die Kommunikation reichen meist Walki Talkis und leistungsstärkere Handfunkgeräte welche genug Reichweite besitzen um von einem Ende des Operationsgebietes zum anderen zu senden. Eventuell muss eine eigene Funkanlage eingerichtet werden.

Es ist praktischer und übersichtlicher wenn mehrere Gruppen nicht nur untereinander kommunizieren, sondern auch mit einem Hauptquartier oder Operator, welcher über aktuelle Bewegungen informiert wird, Fähnchen auf der Karte verschiebt und die Übersicht behält.

Da Funkgeräte welche auf dem Zivilmarkt zu finden sind nicht verschlüsselt sind und Feinde, wie organisierte Plünderer, den Funk durch Funkscanner abhören werden, ist es nötig diesen zu codieren.
Hier ein paar Beispiele:

Küche groß          - Starker Nebel
Küche klein         - Leichter Nebel
Berührung            - Sichtkontakt
Kino gut               - Gute Sicht
Kino langweilig    - Schlechte Sicht
Ente                      - Entfernung
Angestrahlt           - Beschuss
Scheibenstand      - Lage ungeklärt
Strato                    - Straße
Kobold                  - Feind


Auch Kommunikation ohne Funk per Handzeichen und Lichtsignalen muss beherrscht werden.


Tagsüber wird es die Lage vermutlich verlangen, dass an Zufahrtsstraßen zum Ort Checkpoints errichtet werden, oder diese ganz blockiert werden. Bei Nacht wird es das Patrouillieren und beobachten sein. Fallen die um den Ort herum ausgelegt werden können die Vereinfachen, wenn sie zusätzlich mit Lichtsignalen oder Pyrotechnik kombiniert werden und sich somit beim Auslösen sofort bemerkbar machen. Ein Spotter oder Scharfschütze sollte abgestellt werden um die Bewegungen zu verfolgen und das HQ darüber informieren. Einen Scharfschützen in einem Kirchturm zu platzieren ist übrigens gegen die Genfer Konvention, da Kirchen geschützte Gebäude sind.



Angreifer werden vermutlich nachts versuchen in die Orte zu schleichen oder von den Feldern stehlen. Besser organisierte Banden von Plünderern werden vorher den Ort observieren und versuchen Bewegungsmuster einzuschätzen. Die haben dann aber auch andere Dinge vor als nur ein paar Kartoffeln einzustecken.
Ein erster Angriff wird vermutlich das antasten an die Verteidigungsfähigkeit sein oder ein Ablenkungsmanöver, während man sich gleichzeitig von einer anderen Stelle annähert. Vermutlich werden sie gleichzeitig den Funkverkehr mithören und so versuchen die Reaktion der Verteidigungskräfte zu umgehen, weshalb es wichtig ist den eigenen Funk zu verschlüsseln oder zu codieren, damit die Angreifer im Dunkeln gelassen werden. Ich gebe also nicht per Funk durch, dass sich Gruppe Blau über die untere Dorfstraße der alten Scheune nähert, sondern codiere diesen Funkspruch.

Wie immer mehr dazu in Zukunft.



Siehe auch:

Wie man eine Miliz organisiert Teil 1



Kommentare:

  1. "...weil wir alle krasse Survivalisten sind und so." haha, ich mag solche selbstironischen Bemerkungen.

    Da ist aber zu hoffen, dass dann auch genug Waffen und Munition vorhanden sind, sonst ist da nicht viel zu wollen. Ausserdem: wie wäre es, eine Pallisade zu errichten? Gerade im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit waren die Stadtmauern weniger dazu da, militärische Gegener abzuhalten, als vielmehr besser zu kontrollieren wer die Stadt betritt und so Landstreicher und dergleichen abzuschrecken.

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    1. Lies ,Special Forces Camps in Vietnam 1961–70, vom Osprey Verlag und über das Strategic Hamlet Program.

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  2. Möglichst detaillierte Karten von Wasser/Abwasserkanälen sind in Städten sinnvoll. Und sei es nur für die Erweiterung der eigenen Mobilität.

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    1. Die wenigsten Abwasserkanäle sind begehbar. Die meisten sind kleine Schächte so breit und hoch wie ein Schuhkarton.

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    2. Klar, aber in den WK2 Kämpfen um Warschau und Breslau war es ein taktischer Vorteil "unten" gut bescheid zu wissen.
      Irgendwo hab ich sowas auch von Sarajewo gelesen, finde es gerade aber nicht. Da waren einige unterirdische Routen eben Sniper sicher.
      Städtische verrohrte Bachläufe haben meist eine Hochwasserreserve und sind dadurch recht gut begehbar.
      Ich kenne sogar bei mir hierin der Nähe einen begehbaren Tunnel, der trocken Hochspannungsleitungen unter einen Fluss hindurchführt.
      Und etwa in Emden führt unter dem Hafenbecken eine Fernwärmeleitung vom stillgelegten Kraftwerk zum VW Werk.
      Bin ich selber schon durchgegangen.
      Jedenfalls immer sinnvoll sowas zu wissen.

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  3. Da wir ja genug Mannstärke haben ; ) würd ich mit vorgezogenen Beobachtern und Späh/Eingreiftrupps arbeiten...je weiter das Gemetzel vom eigenen Einstand weg ist umso besser.

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