Dienstag, 24. März 2015

Taktik: Raid und Razzia

Überfallaktionen nach dem Shock and Awe Prinzip


Der Überfall ist wahrscheinlich die älteste Form der Kriegstaktik im Kampf Mensch gegen Mensch. Der Angreifer bestimmt den Zeitpunkt der Konfrontation und kann die eigenen Verluste minimieren. Unter den Steinzeitjägern war vermutlich der Überfall bei Nacht die bevorzugte Art des Angriffs auf eine andere Gruppe, da so die Chance auf Widerstand minimiert werden konnte in einer Zeit, in der bereits kleinere Verletzungen tödlichen Ausgang gehabt haben können.


In dem Buch Sex and War wird ein Vergleich des Verhaltens des Menschen in Überfall und Krieg aufgestellt.:

Überfall
  • Gruppe kann kleiner als zehn Mann sein 
  • Junge Männer in der Blüte ihres Lebens
  • Ältere Männer und Frauen unterstützen
  • Krieger sind oft miteinander verwandt und haben gemeinsamen Hintergrund
  • Schnelle Aktion, kann wenige Minuten dauern
  • Getarnt, überraschend
  • Risiko für die Angreifer ist relativ gering
  • Kein Unterschied wird gemacht zwischen Zivilist und Kombatant, Gefangene sind selten
  • Verstümmelungen von Leichen und Vergewaltigungen von Frauen können vorkommen

Krieg
  • Die Zahl der Involvierten kann in die Millionen gehen, Zahl der Kämpfer trotzdem relativ klein
  • Junge Männer in der Blüte ihres Lebens
  • Ältere Männer kommandieren, Frauen unterstützen
  • Krieger teilen oft Erfahrungen durch Training und Kampfeinsatz
  • Kann Jahre dauern
  • Krieg kann erklärt werden, aber Kämpfe finden mit dem Überraschungsmoment statt
  • Risiko für die Angreifer kann größer sein als für die Verteidiger
  • Kann den Angriff auf Zivilisten ausschließen, Aufgabe und Gefangennahme sind formalisiert
  • Verstümmelung von Leichen und Vergewaltigungen von Frauen können vorkommen, werden aber (wenn auch nicht immer) geächtet und geahndet

Der Raid selbst kann folgende militärische Aufträge haben:
  • Die Demoralisierung, Verwirrung und Ermüdung des Feindes
  • Dinge zu erbeuten und zu plündern
  • Feinde gefangen zu nehmen
  • Eigene Gefangene zu befreien
  • Strategisch wichtige Gütern und Anlagen zu zerstören
  • Informationsbeschaffung
  • Das gezielte Töten einzelner Personen
  • Die eigenen Truppen aggressiv und motiviert zu halten

Da Überfallaktionen bzw. Raids und Razzias in der Regel von kleineren Gruppen ausgeführt werden, kommt hierfür nicht unbedingt jeder in Frage. Seit jeher ist diese Art des Angriffs der Aufgabenbereich von Spezialeinheiten. In einem Merkblatt aus dem ersten Weltkrieg zur Ausbildung von Stoßtrupps heißt es:
Jeder Stoßtrupp soll durch die Auswahl der beherztesten und schneidigsten Leute sowie durch seine Sonderausbildung eine besonders hervorstechende Kampfkraft der Kompanie bilden und durch seine Ausrüstung und Bekleidung schon äußerlich in der Kompanie hervortreten. Besondere Abzeichen auf Ärmel oder Achselklappe erleichtert Erkennbarkeit des Stoßtrupps und hebt Selbstbewusstsein des Mannes.

Überfälle erfolgen aber nicht immer in Uniformierung und Kennzeichnung, sondern auch oft in Beuteuniformen des Gegners oder Zivilkleidung.


Beispiel für einen Raid:

http://www.liveleak.com/view?i=c86_1341164485
Ein Kommandotrupp des Islamischen Staates verübt eine Razzia gegen einen irakischen Armeeposten. Die Angreifer tragen alle Zivilkleidung und benutzen Pistolen mit Schalldämpfern. Hier sieht man sehr gut die Bedeutung von Schalldämpfern. Der Posten der gerade Wache schiebt wird einfach über den Haufen geschossen und die laufenden Motoren der Fahrzeuge bietet genug Geräuschdeckung, dass von diesem Schuss 15 Meter weiter schon nichts mehr zu hören ist. Der Rest der Clownstruppe pennt währenddessen in einem Container, der dazu nicht mal abgesperrt ist. Die IS Kommandos haben leichtes Spiel und erschießen den Großteil der Feinde einfach im Schlaf. Hier schaltet man nicht nur feindliche Kämpfer aus, man erbeutet auch gleich ihre Ausrüstung. Auf diese Art kann der IS in Städte einsickern.

Für weitere Beispiele siehe auch Tactical Terror.


Was sich bei IS Kämpfern auch verbreitet ist die Anwendung von Pseudo-Operationen.
Mit erbeutetem Equipment der irakischen Armee und Polizei werden selbst Razzien durchgeführt, teilweise auch mit Blaulicht, was die Zielpersonen, die der Regierung nahe stehen, vorerst verwirrt und auch an Widerstand hindert.

http://jihadology.net/2014/05/17/al-furqan-media-presents-a-new-video-message-from-the-islamic-state-of-iraq-and-al-sham-clanging-of-the-swords-part-4/
Ein Beispiel findet sich im vierten Teil der IS Propaganda Serie Saleel al Sawarim, was soviel wie Säbelrasseln bedeutet. Zu sehen ist ab Minute 41:55 ein solcher Überfall bei Nacht auf das Haus eines Stammesführers welcher der Regierung nahe stand. Man sollte eigentlich erwarten, dass ein Stammesführer von seinem Stamm bewacht werden würde, aber dies war nicht der Fall. Der IS krallt sich den Kollaborator und schießt ihm, und was vermutlich einer seiner Söhne ist, mit einer Schalldämpfer Pistole in den Kopf. Videos von IS Kämpfern in irakischen SWAT Uniformen und Polizeifahrzeugen finden sich mittlerweile recht häufig. Ziele sind Angehörige irakischer Sicherheitskräfte und Figuren des öffentlichen Lebens, die mit diesen zusammen gearbeitet haben bzw. dies immer noch tun. Der Term Sahawa Hunters bezieht sich dabei auf die IS Killerkommandos, die auf die Angehörigen der sunnitischen Sahawa Milizen Jagd machen. Unter General Petraeus hatten die USA diese "Sahawa", was soviel wie Erwachen bedeutet, Milizen organisiert, um gegen die überwiegend ebenfalls sunnitischen Insurgenten vorzugehen. Gestern waren sie es die bei Nacht an die Türen ihrer Opfer geklopft haben, heute wird bei ihnen geklopft. Life's a bitch.

Siehe hierfür auch Initiative ergreifen aus der Insurgency Reihe.


Ein Beispiel welches eine Weile zurück liegt ist der Nyadzonya Raid im Rhodesien Buschkrieg. 

Im August 1976 überquerten 30 als Guerillas verkleidete Selous Scouts die Grenze nach Mozambique um ein Guerilla Camp der marxistischen ZANLA anzugreifen. Das ursprüngliche Ziel war es die Kommandanten der ZANLA und andere HVTs zu entführen und anschließend das Camp zu zerstören. Die Scouts kamen in dem Camp, welches von der UNO als Flüchtlingslager deklariert wurde, gerade an als irgendeine Truppenexerzierung stattfand und bis auf ein paar Wachposten keiner seine Waffe bei sich trug. Generell war die Disziplin bei diversen afrikanisch-marxistischen Befreiungsbewegungen immer ziemlich lachs und das Camp Nyadzonya war nicht mal wirklich abgesichert, da man wohl damit rechnete, die Rhodesier würden sich an ihre eigenen Regeln halten und die Landesgrenze nach Mosambique nicht übertreten. Falsch gedacht.

Vermutlich hatten die Scouts nicht damit gerechnet beim eintreten ihrer Fahrzeuge in das Camp von einer jubelnden Menge empfangen zu werden, welche die Scouts tatsächlich für Guerillas gehalten hatte. Lediglich die Anführer zu entführen und auf dem Rückzug das Camp in Stücke zu schießen war nun keine Möglichkeit mehr und nachdem einer der ZANLA Guerillas entdeckte, dass einige der falschen Guerillas Weiße waren, drohte auch noch die Deckung aufzufliegen. Also hat man gleich drauf los geballert. Das Resultat war über tausend bestätigte KIAs auf Seiten der ZANLA und vermutlich noch mal doppelt so viele die an ihren Verwundungen starben nachdem sie in den Busch geflohen sind, oder auf der Flucht durch den Pungwe Fluss ertrunken sind. Auf Seiten der Scouts gab es vier Leichtverwundete. 2011 berichtete VICE Magazin über diese Praxis und interviewte dazu Dennis Croukamp, welcher an dem Nyadzonya Raid beteiligt gewesen ist.

In allen Beispielen war es letztendlich aber das Versagen der Verteidiger welches den Ausgang bestimmt hat.


Fortsetzung folgt.


Siehe auch:
Eine Ortschaft absichern

Kommentare:

  1. Interessant werden die ersten Angriffe mit billigen Mini Drohnen:

    http://www.themalaymailonline.com/videos/drive/watch/reuters-video-polish-company-develops-mini-bee-army-drones

    Dagegen hilft auch die klassische Flankensicherung von Checkpoints mit Scharfschützen oder Schützenpanzern nichts.

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    1. Jammer und die ferngesteuerte Drohne kannste knicken.

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  2. Angriff ist die beste Verteidigung!

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  3. Mein Reden. Sollte es zum Endspiel kommen ballert man einfach alles weg, was sich der Fluchtburg nähert. Niemand kann es sich erlauben Kompromisse zu machen. Das eigentliche Problem ist bloß die Definition des Übergangs vom Frieden zum Krieg. Wann sollte man sein wahres Gesicht zeigen? Klingelt der Kanacke, weil er für den Paketzusteller arbeitet, oder ist der schon im Djihad? Wollen die Zeugen Jehovas wirklich nur ihren Wachturm verteilen, oder spionieren sie dich aus? Betteln die Zigeuner wirklich nur, oder wollen sie plündern? Sind es wirklich Bullen, die da kommen, oder Raiders?

    Pre-Collapse, oder Post Collapse, die Übergänge sind hier fliessend und abhängig hiervon die Strategie. Wie werde ich die Brocken los? Stehen außerhalb Mitwisser bereit, die warten und was passiert wenn ihre Kumpels zwar rein kommen, aber nie mehr raus?

    Wie steht man denn da, sollte die öffentliche Ordnung wieder hergestellt werden, nachdem man seinen Vorgarten mit gepfählten Köpfen geschmückt hat um Nachahmer zu vergraulen?

    Mir stellen sich derzeit viele Fragen deren Antworten wohl in der Zukunft liegen.

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    1. Ob du recht hast oder nicht, zeigt dir gleich das Licht. ;-)
      Musst du selbst entscheiden wann es soweit ist und auch damit leben oder sterben.

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  4. ich hab diesen blog zufaellig vor 4 monaten entdeckt und ich finde er ist im deutschsprachigen raum einmalig. interessante artikel, die realistisch viele szenarien beschreiben. 'nicht verfuegbar' ist mir mit seiner offenen direkten konfrontativen art auch sympathisch. dieser artikel hier ist gut geschrieben aber hat nen kleinen fehler: die sahawa milizen sind keine shias. das sind sunnitische staemme die von den usa bewaffnet und bezahlt worden.

    Mr.BukkShot

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    1. Geht schon in Ordnung. Das war eine innersunnitische Konfrontation und Al Quaida hatte ungeschickt repressiv agiert. Da bildete sich halt gleich eine Gegnerschaft aus.

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  5. Der Überlebenskampf der weissen Farmer in Rhodesien:

    http://www.rhodesia.nl/farmeratwar.html

    Sind einzelne Berichte und durchaus lehrreich. Der Verrat an diesen Leuten durch linke Europäer und US Amerikaner wird hoffentlich einmal aufgearbeitet.

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    1. Wird nicht passieren. Dazu lernen die Farmer bis heute nichts aus ihren strategischen Fehlern und hocken weiter auf ihren isolierten Großfarmen im Niemandsland, wo der nächste Nachbar mehrere Kilometer weit entfernt ist, anstatt dass man strategische Hamlets bildet. Zu wenige Kinder haben sie auch.

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    2. Es gab früher ein Alarmsystem mit gegenseitiger Hilfe der Farmer. Dieses wurde durch die neuen Herren verboten, den Farmern die meisten ihrer Waffen abgenommen. Teilweise wurden die Farmer mit genau diesen Waffen ermordet. Wenn sie fliehen, können sie ihr Land nicht mitnehmen, wenn sie sich verteidigen, werden sie wegen Mordes angeklagt und hingerichtet. Jeder der versucht, diese Vorgänge öffentlich zu machen wird als Nazi beschimpft. Snafu, Fubar und Catch 22 - was tun, um zu überleben?

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