Donnerstag, 27. August 2015

Tarnen und Täuschen - Teil I

Ein paar Grundlagen

Was man nicht sehen kann, kann man auch nicht erschießen. Oder anderweitig umbringen. Tarnung ist viel älter als moderne Kriegsführung mit Schusswaffen und geht zurück auf die Stammeskrieger, die ihre Fähigkeiten durch das Jagen von Tieren erlernten. Wer sich vor seinem Feind verbirgt, der kann ihn überraschen und minimiert so das eigene Verletzungsrisiko, oder er kann Gefahren an sich vorbeiziehen lassen.
Auch kann man heimlich einen Gegner umzingeln, ohne dass dieser es bemerkt.
Scheue Tiere könnte man ohne sich zu verstellen oder zu tarnen nicht bejagen.

Bewegung in Licht und Schatten
Das wichtigste Element beim Tarnen ist nicht der Tarndruck XY auf der Kleidung, sondern die eigenen Bewegungen. Die Sicht auf sich selbst zu blockieren während man selbst die Übersicht behalten muss, das Ausnutzung von Licht und Schatten.

Je nach Situation kann es sinnvoll sein oder auch nicht die Sonne im Rücken zu haben. Auf der einen Seite kann sie zwar einen Gegner, der einem gegenüber steht, blenden, auf der anderen Seite kann sie einen selbst schneller bemerkbar machen. Das menschliche Auge nimmt dunkle Flächen schneller wahr als helle Flächen. Daher sollte man sich wenn möglich immer im Schatten bewegen um selbst keinen Schatten zu werfen. Der eigene Schatten wirkt gerade vor einem unebenen oder besonders hellen Hintergrund verräterisch. Dies wird besonders deutlich wenn sich ein Ziel am Horizont befindet:
Geländeausnutzung
Hindernisse im Gelände werden dazu genutzt um sich zu verbergen, die eigene Silhouette zu verwischen und im Falle einer Entdeckung durch den Gegner Deckung oder zumindest Sichtdeckung zu bieten, dass man ein möglichst kleines und schlecht erkennbares Ziel darstellt.

Eigentlich beides falsch: Ein Fehler der oft gemacht wird ist sich direkt am Fuß eines Bäumen zu verstecken, was auch auf die Distanz nach einer merkwürdig Wuchsstelle aussieht und bspw. beim US Sniper Training als "Tree Cancer" bezeichnet wird.

Geländeausnutzung ist auch von der Tageszeit abhängig. Die Route Nr.1 sollte am Tag gewählt werden, wo die Vegetation vor der Entdeckung mit dem blanken Auge schützen kann. Die Route Nr.2 wird bei Nacht gewählt wenn es dunkel ist, also nicht bei Vollmond, da die Stille in der Nacht Geräusche die beim durchqueren dichter Vegetation entstehen viel weiter trägt als am Tag und man im Dunkeln lieber auf einer Wiese unterwegs ist als im Unterholz. Dies gilt auch wenn Nachtsichtgeräte vorhanden sein sollten.


Individuelle Tarnung
Die Tarnung des Einzelnen dient dazu die menschliche Silhouette zu brechen und ihn mit der Umgebung verschmelzen zu lassen.

Wichtig hierbei ist gerade der Kopf, da man diesen besonders häufig bewegen wird um sich umzusehen. Um die Silhouette von Kopf und Schultern zu verschwischen verwendet die Israelische Armee einen Mitznefet genannten Helmbezug der dabei aussieht wie ein großes Barrett aus Netzstoff, was besonders in der Dämmerung die Erkennung erschwert.

Die meisten anderen Armeen verwenden Helmbezüge im jeweiligen Tarndruck, Stücke von Tarnnetzen und eben Vegetation, aber auch Lumpen oder Sackleinen. Natürlich kann man diese auch mit einem Buschhut verwenden.

Nichts wird verschwendet

Menschen tendieren dazu Gesichter zu erkennen, auch wo gar keine sind. Pareidolia ist ein Phänomen was Leute dazu bringt Gesichter auf dem Mars oder Jesus auf ihrem Toastbrot zu sehen.
Das Gesicht wird am besten durch Tarnschminke abgedeckt die dazu dient die helle Fläche abzudunkeln und die Merkmale des Gesichtes zu verwischen.

Bei der Bundeswehr war es bisher üblich, dass die Tarnschminke in den zwei Farben Schwarz und Grün ausgegeben und wie auf dieser Darstellung aufgetragen wird, da die Idee dahinter war, dass die schrägen Streifen beim Zielen und Schießen vertikal ausgerichtet sind und so eher nach natürlicher Vegetation aussehen. Aus dem gleichen Grund wurden die Streifen für Vegetation auf den ersten Helmbezügen der Wehrmacht ebenfalls schräg angebracht. Diese Vorstellung ist allerdings mit der Einführung der nSAK Schießtechnik überholt.

Tarnschminke wie sie von der US Army verwendet wird wird für gewöhnlich in drei Farben ausgegeben. Was für ein Muster man letztendlich wählt ist egal, solange die die Merkmale des Gesichtes und die von ihnen geworfenen Schatten verwischt werden.

Ist Tarnschminke nicht vorhanden kann auch Holzkohle oder Schuhcreame verwendet werden. Von Dreck wird für gewöhnlich abgeraten, da Dreck eben Dreck ist und krankheitserregende Bakterien enthalten kann.
Persönlich bin ich kein Fan davon Dinge zu verwenden wie Sturmhauben, Shemags oder T-Shirts, da diese immer die Augenregion ungedeckt lassen und irgendwann anfangen stickig zu werden. Ein Netzschal oder ein Mückenschleier lässt einen hier schon besser atmen. Über den Händen sollten Handschuhe getragen werden, auch um Verletzungen und eventuelle Infektionen zu vermeiden.



Tarnen der Ausrüstung
Ausrüstung muss auch getarnt werden damit ihre Konturen gebrochen werden, glänzende Dinge nicht länger glänzen und Geräuschentstehung bei Bewegung unterbunden wird.


Ausrüstung wie Plattenträger, Westen, Koppelzeug und die dazügehörigen Taschen wird heute meistens in den Farben Oliv, Erdbraun/Coyote, Schwarz(ja ich weiß dass das ein Kontrast ist) und im Multicam Tarndruck(etwas teurer wegen Lizenzgebühren) angeboten. Es sieht zwar etwas ästhetischer aus wenn alles farblich abgestimmt ist, ist aber nicht notwendig und für die Tarnung in manchen Fällen auch contraproduktiv. Von daher empfiehlt es sich solche Ausrüstungsgegenstände anzumalen, anzusprühen oder einzufärben. Sowas bietet sich gerade bei Ausrüstung in Wüstentarnmustern an.
Rucksäcke und größere Objekte können mit Tarnnetzen und Vegetation behangen werden.

Waffen müssen ebenso getarnt werden, da sie als große schwarze Objekte oder mit der Holzverkleidung zu sehr auffallen würden. Mit dem Tarnen von Kleinwaffen mit Farbe hat man relativ spät angefangen. Zuerst hat lediglich die Wehrmacht für den Wintereinsatz Waffen angemalt, danach folgte die großflächige Anwendung erst wieder bei der rhodesischen Armee. Wie bei den anderen Anwendungsbereichen auch soll die Tarnung hier die Konturen der Waffe brechen und sie farblich dem Einsatzgebiet anpassen. Früher wurde dies noch erreicht indem man sie mit Stoffetzen als Tarnmaterial eingewickelt oder mit Klebeband eben beklebt hat, heute erreicht man das am besten mit Farbspray. Wichtig dabei ist, dass es sich um mindestens zwei matte Farben handelt, bewegliche und empfindliche Teile, wie bspw. Sicherungshebel bei AR Modellen, Magazinauswurfknopf und die Feuerwahlmarkierungen, vorher abgeklebt wurden. Natürlich sollte die Waffe selbst vorher äußerlich gereinigt werden, damit die Farbe auch hält. So wie eigentlich immer wenn man etwas anmalt. Ferngläser und derartige Optiken die Reflextieren könnten sollten mit einem Flashkill versehen werden, wie man sie auch für Kameraobjektive verwendet.

Leider nur ein Prototyp: Flashkill für Schutzbrillen

Tarnmuster
Nichts ist beim Tarnen so überbewertet wie der Tarndruck auf der Kleidung. Es ist natürlich auch eine modisches Etikette. Ob man gerade das neuste Gucci Gear in Super Camo hat spielt in der Praxis allerdings eine geringe Rolle.
Die meisten Aufnahmen die man im Netz findet wenn es darum geht Tarnmuster zu demonstrieren sind Fotos von irgendwelchen Küchen Kommandos die sich im Waldstück hinterm Haus irgendwo hinknien in Richtung Kamera und dann meinen das wäre repräsentativ. Ist es aber nicht. Gerade Multicam ist ein total überhyptes Tarnmuster das für aride Klimaregionen entwickelt wurde und für Mitteleuropa eigentlich in jeder Jahreszeit zu hell ist. Dazu sind Produkte in Multicam aufgrund der bereits erwähnten Linzenzgebühren an die Entwicklerfirmer Crye Precision immer etwas teurer.

Es ist wichtiger, dass die Mitglieder eines Trupps alle die gleiche Tarnung tragen, anstatt die neuste oder gerade trendigste. Die schlechte oder unpassende Tarnung eines Truppmitgliedes kann den ganzen Trupp auffliegen lassen.

Eine wichtige Eigenschaft die der Tarndruck dabei haben sollte ist, dass er mit im Infrarot lichtabsorbierenden Farben getruckt wurde. Früher wurde das einfach dadurch erreicht, dass das Tarnmuster rote Flecken beinhaltete, die im Infrarot lichtabsorbierend wirken. Heute werden beim Drucken der Tarnmuster auf den Stoff Farben verwendet, denen diese Eigenschaft bereits chemisch eingebracht wurde. Deshalb sollte man einen solchen Felddienstanzug niemals mit Stärke waschen und auch nicht bügeln, da diese Chemikalien in den Druckfarben sonst zerstört werden.

Bild: Aufnahmen von Vice News aus der Ukraine. Auf dem oberen Teil des Bildes ist die schwarze Kleidung unter ganz normalen Bedingungen zu sehen, auf dem unteren Teil im Infrarot. Die Person in der Mitte trägt eine 5.11 Tacticool Scope Flex Cap, welche leuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Im Vergleich dazu ist militärische Ausrüstung zu sehen, wie die beiden Bundeswehr Hubschrauberwesten, bei welchen der Stoff mit lichtabsorbierenden Farben bedruckt wurde. Wie in der Vergangenheits bereits erwähnt taugt dieser ganze Contractor Tacticool Müll nicht für Felddienstaufträge, da die Branche im Bereich der Objekt- und Personenschutzaufträge operiert und damit andere Anforderungen entstehen. Auch fehlt der ansonsten teuren Jagdbekleidung in Realtree Mustern diese Eigenschaft, genau so wie der Kleidung großer Outdoor Modemarken.

Die lichtabsorbierenden Eigenschaft von Tarndruck. Ein Vergleich zwischen MARPAT und dem von Hyperstealth entwickelten US4CES.

Gegen Wärmebildaufnahmen können eigene Positionen mit Styropor oder Rettungsdecken abgedeckt werden. Hat man es mit einem Gegner zu tun der bspw. mit FLIR Kameras ausgestattet ist und eventuell Drohnen, so empfiehlt es sich aus olivseitigen Rettungsdecken und Regenponchos Tarnkappen zu improvisieren, indem man diese Dinge ineinander vernäht.


Weiter zu Teil 2



Siehe auch::
FM 5-20A Camouflage of Individuals and Infantry Weapons 1944
Individual Fieldcraft - Ausbildungsfilm der britischen Armee
Light Infantry Tactics For Small Teams von Christopher E. Larsen
Combatreform:  The Commandments of Tactical Camouflage


Bisherig auf Post Collapse zu dem Thema erschienen:
Kleidung und Ausrüstung
Trageausrüstung Teil I und Teil II
Uniformen

Kommentare:

  1. Taugt die Tarnbekleidung der Bundeswehr etwas? Und die gute alte Woodlamd-Camo?

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    1. Bei gebrauchtem Material kann man sich nie sicher sein. Bundeswehr Tarnbekleidung taugt für die Bundeswehr. Woodland M81 ist ein guter allround Tarndruck.

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    2. @Anonym
      Geh nach Technischen Lieferbedingungen von Bundeswehr und US Army, die Sachen haben IR Tarnung. Hab mir vor nun einer Dekade einige Woodland BDUs aus Army Beständen besorgt als die gerade unausgegeben ausgemustert wurden. Habe mir auch ein paar eine Größe kleiner geholt als die eigene, da ich PC auch mit Gewichtsverlust rechne.

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  2. Wie kann man Kleidung nachträglich gegen Infrarot tarnen?

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    1. Du könntest dir Dyflon Thermal IR coating Farbe holen und damit die Kleidung anmalen, aber die verwendet man für gewöhnlich für Fahrzeuge.

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  3. Nachtrag zum Multicam: Ohne IR ist der tatsächlich zu hell für unsere Region. Mit Nachtsichtgeräten ist das Teil aber unschlagbar, da es sich schön in das hellgrün einfügt und fast unsichtbar ist...
    Kämpft man gegen Moluken ohne teure Ausrüstung find ih den Flecktarn der BW niht schlecht (ist mit Nachtsicht recht dunkel und fällt auf). Hat der Gegener Nachtsicht ist der Multicam nicht zu verachten...

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    1. Die Moluken vom IS haben Nachtsichtgeräte und sind besser organisiert als die slawischen Helden der Banditenfürstentümer Donetsk und Lugansk.

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    2. Drum steht da "Moluken ohne teure Ausrüstung". Gegen die Jungs vom IS empfhielt sich dann wohl Multicam. Gegen Russen soll Bunt oder Erbsentarn ganz gut sein ; )

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    3. Verwechslungsgefahr. Die russische Armee hat selbst die Tarnmuster Splittertarn, Sumpftarn und Eichenlaub adaptiert. Nostalgie ist kein guter Ratgeber.

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    4. ; ) = Spaß

      nicht das es so aussieht als ob ich hier zur Russenfront gehöre...

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  4. Besten Dank für diesen Beitrag! Gibt es weiterführende Literatur (Buchform?) zu diesem Thema - ich habe bereits im Internet recherchiert, bin leider nicht fündig geworden.

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    1. Am Ende des Beitrags sind zwei Bücher empfohlen und auf der rechten Seite ist die Feldbücherei verlinkt.

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  5. Das mit den Streifen war bei mir beim Barras auch noch so (2006). Aber was meint ihr eigentlich wen ihr damit ansprechen wollt? Leute die solche Grundlagen bisher nicht erlernt haben, zumal ja das Wissen auf der Straße liegt, und jetzt darauf warten gefüttert zu werden? Solche Inhalte sind doch von euch eh nicht gefragt und do-it-yourself Sachen landen nicht in den Top 10, weil der Internet Abschaum nur zynische Kommentare hören will.
    Nichts für ungut, bin großer PC Fan. ;-)

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    1. Für mich einer der wichtigeren Posts! Insbesondere der letzte Teil über die Nachttarnung ist sehr vielen zu wenig bewusst.
      Nach meiner Inf Ausbildung wurde ich zum Sicherungszug einer First Response Einheit versetzt. Rein defensive Aufgabe. Doch die Geräte die wir dort zur Verfügung hatten waren echt der Schocker. Da stellst du deine Grundausbildung gleich mal in Frage. Ohne dieses Wissen und Bewusstsein wird jede nächtliche Verschiebung zum Selbstmordkommando.
      Mit Tarnung kann man sich gar nicht genug beschäftigen.

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  6. Zeigt die Unterschiede zwischen einem Gen 3 NV und einem Wärmebildgerät.

    https://www.youtube.com/watch?v=EIhFupwqOU4

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